Der Firmensitz von Google (Foto: SR Fernsehen)

"Suchet, so werdet ihr finden"

Die politische Glosse der Woche

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 18.10.2019 16:40 Uhr

Nr. 750

Nicht dass Sie denken, ich blätterte nicht mal in meinen alten Texten. Nein – von Zeit zu Zeit les ich die Alten gern. Wobei das Wörtchen "blättern" nun auch schon ein bisschen aus der Zeit gefallen ist. Klicken muss das heißen, natürlich. Ebenso "natürlich", wie ich auch vor vierzehneinhalb Jahren mich schon zu Recherchezwecken ins Netz der Netze begab und Google mich zu den Fundstellen schickte. Ja, so war das damals.

Zum Jubiläum von "Brunners Welt"
Vierteilige Serie mit neuen Glossen
Die SR-Kolumne "Brunners Welt" feiert am 18. Oktober ihre 750. Ausgabe. Ein schöner Anlass für den Brunner, mal in seinem Archiv zu kramen. Erstaunlich, was er da alles an Themen und Formulierungen gefunden - und extra zum Jubiläum neu verarbeitet hat!

Da war google noch eine Suchmaschine. Und spuckte auf Anfrage Links zu anderen Seiten aus. Ja. Google-Gründer Larry Page verkündete noch 2004 zum Börsengang "Wir wollen, dass Sie zu google kommen und schnell finden, was Sie wollen... Wir wollen, dass Sie google so schnell wie möglich wieder verlassen". Lustig. War wohl auch wirklich so, damals.

Entschuldigt vielleicht auch meine damalige Naivität. 2005 schrieb ich noch unschuldig über die spielerische Nutzung der Suchkrake: Einfach mal gucken, wer mehr Treffer hat – Schröder oder Merkel. Oder im Gegenteil: Wer schafft es, einen Suchbegriff zu finden, der so wenig wie möglich Treffer generiert. Wir hätten ebenso wenig damit gerechnet, dass die Seite mit den kinderbunten Buchstaben all diese Eingaben zu einem Werbeprofil speichern und verbinden würde, wie damit, dass die google-Aktie jemals 2700 Prozent Gewinn machen würde. Leider. In beiden Fällen: Leider!

Ich erinnere mich noch gut an den Schreck, als eines Tages google-maps auf meinem Bildschirm mit lauter virtuellen roten Stecknadeln übersät war, bei denen akribisch alle Menschen aus meinem Adressverzeichnis eingetragen waren. Im vergangenen Jahr habe ich mich an dieser Stelle darüber beklagt, dass google ständig Bewertungen von mir verlangt, wenn ich mir eine Brezel beim Aufbäcker meiner Wahl gekauft, eine öffentliche Bedürfnisanstalt aufgesucht hatte oder auch nur an einem Coffee-to-go vorbeigegangen war.

Wohlgemerkt: Die absurde Belästigung hat mich gestört, nicht etwa, dass die einstige Suchmaschine stets genau wusste, wo ich war. Ist doch längst normal. Eingegebene Fragen beantworten Larrys Algorithmen inzwischen selbst. Nix Weiterleitung. Mehr als die Hälfte aller Suchenden bleibt bei google hängen. Und die Werbung am Rand passt stets auf ihr Profil. Google ist eine Weltmacht geworden. "Code is law" - der Algorithmus ist Gesetz. In 273 Sprachen. Und nationalisiert – heißt: Sie kriegen in China nicht die gleiche Antwort wie in Deutschland oder in der Türkei. Oder Ihre Anfrage wird gleich mit Ihrer Mailadresse verbunden – wie der für eine chinesische Version zuständige Programmierer verraten hat. Der Mann hat deswegen auch gekündigt – hatte wohl immer noch das alte google-Mantra im Ohr: "Don't be evil" - "Sei nicht böse".

Die "Vereinigten Staaten von google", das war mal ein satirischer Spruch über den Einfluss des Konzerns. Inzwischen arbeitet man ernsthaft daran: "Seasteading" nennt sich die Idee, im staatenlosen Bereich der Weltmeere schwimmende Plattformen zu bauen, auf denen Google und seine Silicon-Valley-Mitstreiter ihre Idee von Zusammenleben aufbauen können. Gewöhnliche Staaten sind "gestrig", kriegen einfach nix in den Griff. Sie machen Schulden – google macht Gewinn.

Meine Nachbarin Barscheck will nix wissen von dieser schönen neuen Welt. Und lässt sich gerne mal einen alten Text von mir vorlesen. Ganz analog. Und träumt von den alten Zeiten, da wir auf unserem Treppenabschnitt noch nächtelang bei Kerzenschein und Eierlikör an einer besseren neuen Welt bauten.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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