SR 2-Kolumnist Brunner (Foto: SR)

"Wahnsinn!"

Die politische Glosse der Woche

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 11.10.2019 15:40 Uhr

Nr. 749

Nicht dass Sie denken, mein Gedächtnis würde keine Woche mehr zurückreichen. Ich erinnere mich genau, dass ich letzte Woche gesagt habe, ich würde mich nicht mehr ereifern über den amerikanischen Präsiden. "Könnte ich auch gar nicht, selbst wenn ich wollte", habe ich erklärt. Und das auch ausgeführt und begründet in meiner großen und unvergleichlichen... Nein! So was sagt man nicht. Ich bin auch nicht weise, sonst hätte ich mich nicht so geirrt. Yes, I can … mich ereifern über den abgehalfterten Fernsehentertainer, mehrfachen Pleitier und notorischen Lügner im Weißen Haus.

Und warum auf einmal wieder? Wegen eines einzigen tweets, in dem das regierende Rumpelstilzchen verkündete, er werde die Türkei ökonomisch "zerstören und auslöschen". Und zwar dann, wenn die türkische Regierung "etwas unternimmt, was ich in meiner großartigen und unvergleichlichen Weisheit für tabu halte." Wirklich, ich habe diesen Tweet mindestens fünfmal gelesen. Anschließend haben meine Nachbarin Barscheck und ich das treppenabsatzeigene Englischwörterbuch intensiv zu Rate gezogen. Ja, "unmatched" heißt "unübertroffen, unvergleichlich". Und "obliterate" ist mit "ausradieren, auslöschen" korrekt übersetzt. Er hat's so geschrieben – sollte ihm nicht gerade die Maus ausgerutscht sein, wie einst der AfD Klapperstörchin Beatrix.

Okay, bislang florieren alle Landstriche noch, deren Auslöschung Donald gelegentlich angekündigt hat, hoffen wir, dass es auch dieses Mal so sein wird. Zudem weiß niemand, welches die Tabus sind, die die Türkei nicht verletzen darf. Nur, dass sie unvergleichlich weise sind. Frage: An wen denken Sie, wenn die Rede ist von einem "tiefgehenden Verständnis von Zusammenhängen in Natur, Leben und Gesellschaft" sowie der "Fähigkeit, bei Problemen und Herausforderungen die jeweils schlüssigste und sinnvollste Handlungsweise zu identifizieren"? So die Definition von "Weisheit". Ist natürlich Ihre Sache, wer Ihnen dazu einfällt, aber: War Donald Trump auf Ihrer Liste? Nee, ne?

Barscheck sagt ja unumwunden, wer von sich selbst behauptet über "große und unvergleichliche Weisheit" zu verfügen, reihe sich nahtlos in die Tradition asiatischer Diktatoren ein. In Kim Jong Uns Land ist es üblich, den Führer als "Glorreicher Mann, der vom Himmel abstammt" oder "Leuchtende Sonne des 21. Jahrhunderts" zu titulieren. Und nicht dabei zu kichern, weil sonst anschließend kein Kopf mehr zum Kichern auf dem Hals säße. Auch Mao Tse Tung ließ sich gern als "Großer Steuermann" oder schlicht "Meister" anreden. Schlimm genug, aber der amerikanische Präsident?

Ich, in meiner zugegeben nur kleinen und sehr wohl vergleichbaren Weisheit habe den Eindruck, dass Mr. Trump da durchaus ein Tabu verletzt oder eine Grenze überschritten hat: Die der geistigen Gesundheit nämlich. Und bin darin einig mit 27 amerikanischen Psychologen und Psychiatern, die schon 2018 ihren Präsidenten für amtsunfähig hielten wegen psychischer Störungen. Zitat: Es wäre nun mal so, "dass unter den Grandiositätsgefühlen narzisstischer Persönlichkeiten der Abgrund eines äußerst zerbrechlichen Selbstwertgefühls lauert", weshalb Trump sich "vor der Welt mit drastischen Aktionen beweisen muss".

Im sogenannten "Dritten Reich" kursierte der Witz, dass eines Tages jemand zum Führer sagte: "Schon der Allmächtige hat gesagt..." Und ihn der Gröfaz unterbrach mit der Nachfrage: "Wann hätte ich das gesagt?" Wie gesagt: ein alter Witz. Trump meint es ernst.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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