Brunners Welt: "Verfolgungswahn"

"Die Kunst des Möglichen"

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 27.09.2019 15:40 Uhr

Nr. 746

Nicht dass Sie denken, ich wollte immer das Unmögliche. Wär ja auch blöd, weil ich das nie bekäme – ist ja eben nicht möglich. Klar, auch ich bin in den alten Zeiten unter den Transparenten marschiert: "Wir wollen alles, jetzt!" Gut, es war nicht wirklich eine Überraschung, dass wir es nicht gekriegt haben. Andererseits – hätten wir auf unsere alten Bettlaken pinseln sollen: "Wäre schön, wenn wir ein bisschen bekommen, gerne auch erst in zwei, drei Jahren!"? Hätte auch unmöglich drauf gepasst.

Gar nicht so einfach mit dem "möglich" oder "unmöglich". Ist ja ein Unterschied, ob etwas nicht möglich ist, weil es den Naturgesetzen widerspricht - wie die Aufhebung der Schwerkraft beispielsweise oder der Bau eines perpetuum mobile. Oder ob etwas zwar theoretisch möglich, aber im Moment grade nicht machbar ist. Klar könnte ich mir eine Hochseeyacht kaufen, mir fehlt nur grade das Geld dazu. Ich muss mich bei Anschaffungen eben im Rahmen meiner Möglichkeiten bewegen.

Das Klimakabinett unserer Regierung aber hat durchaus Unmögliches vollbracht: Es hat nachts getagt. Nachdem die beteiligten Damen und Herren dann nach 19 Stunden wieder ans Tageslicht gekrochen kamen, lautete einer der ersten Sätze von Merkel, der Schlaflosen: "Politik ist das, was möglich ist." Wohl als Entschuldigung dafür, dass das ausgehandelte Klima-Paket jederzeit am Postschalter als Großbrief durchgehen würde. Mehr wäre also – laut Merkel – unmöglich gewesen?

Wahrscheinlich hat sie damit sogar recht. Bei der Besetzung des Kabinetts! Solange da ein Verkehrsminister Andreas Scheuer mitzureden hat, dessen Vorstellung von einer "Verkehrswende" sich darin erschöpft, auf einem E-Scooter den Gang in seinem Ministerium runterzubrettern. Oder ein Alexander Dobrindt, für den Verkehrspolitik hauptsächlich im Straßenbau besteht, am liebsten in seinem Wahlkreis in Bayern. Und natürlich ein Markus Söder, der lieber öffentlichkeitswirksam Bienen rettet als Platz für dringend nötige Windräder in Bayern zu schaffen. Dabei steht im Maßnahmenkatalog des Kabinetts, dass die Windkraft nunmehr zügig ausgebaut werden soll, bei einem Mindestabstand von 1000 Metern zwischen den einzelnen Rädern. Nur nicht in Söderland: "In Bayern bleiben unsere Regeln bestehen!“, verkündet der Landesherr mit triumphierendem Grinsen. Da gelten 2000 Meter Mindestabstand. Ist dann eben leider kein Platz mehr für neue Räder. Ist einfach unmöglich.

Geeinigt hat man sich auf eine CO2-Bepreisung, deren Höhe möglicherweise ermittelt wurde, indem man den Bauchumfang von Peter Altmaier durch Scheuers Schuhgröße geteilt und anschließend mit der schwarzen Null multipliziert hat. Anders ist das Ergebnis nicht zu erklären. Nur mal zum Vergleich: Das Umweltbundesamt empfiehlt 180 Euro je Tonne, an der Börse werden die Zertifikate zur Zeit für 26 Euro gehandelt, in Frankreich erhebt man 45 Euro und in Schweden gar 115 Euro. Paketpreis bei uns: 10 Euro pro Tonne CO2 ab übernächstem Jahr, bis 2025 dann auf 35 Euro ansteigend. Mehr war halt nicht möglich.

Dumm nur, dass es so leider unmöglich ist, den Klimawandel zu stoppen oder wenigstens entscheidend zu begrenzen. Sagen die beratenden Wissenschaftler. Aber bitte: Die Maßnahmen sollen ja künftig jedes Jahr auf ihre Wirksamkeit überprüft werden. Natürlich auch von externen Experten. Die, auf deren Expertise man schon dieses Mal nicht gehört hat. Wie sagte Söder: Das sei "ein eindrucksvolles Zurückmelden der großen Koalition". Wohl war. Meine Nachbarin Barscheck findet diese klimapolitische Nullnummer jedenfalls schlicht: Unmöglich!


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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