Brunners Welt: "Verfolgungswahn"

"Verfolgungswahn"

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 20.09.2019 15:40 Uhr

Nr. 745

Nicht dass Sie denken, ich litte unter fortgeschrittener Paranoia. Ich trage kein strahlenabwehrendes Aluhütchen, halte nicht ständig nach giftigen Chemtrails am Himmel Ausschau und stecke mein Handy zu Hause auch nicht in den Kühlschrank oder die Mikrowelle, um meiner Nachbarin Barscheck abhörsicher die neuesten Trumpwitze erzählen zu können. Aber ja, Kamera und Mikrofon meines Notebooks sind tatsächlich zugeklebt. Womit ich mich in bester Gesellschaft befinde – seit 2016 wissen wir von einem Foto, dass auch Mark Zuckerberg so ein Zettelchen vor seiner Rechner-Linse kleben hat. Und der Facebook-Chef wird wohl wissen, warum.

Wer immer noch frohgemut solche Vorsichtsmaßnahmen für unnötig, sich selbst für nicht abhörwürdig hält oder gar den Lieblingsspruch aller Hacker, Lauscher und Spanner „Ich habe nichts zu verbergen“ zum Motto seines digitalen Lebens macht, sollte vielleicht das gerade erschienene Buch von Edward Snowden lesen. Und das möglichst nicht bei Amazon kaufen und mit Kreditkarte bezahlen, nachdem er sich auf ein paar Webseiten über Herrn Snowden und seine Tätigkeiten informiert hat. Sie würden das spätestens nach der Lektüre bedauern.

In zwanzig Ländern ging das Snowden-Buch diese Woche zeitgleich in die Buchhandlungen. Und natürlich hat die amerikanische Regierung sofort Klage dagegen eingereicht. Klar, Edward Snowden ist seit seinen Veröffentlichungen über NSA und Konsorten schließlich Staatsfeind Nr.1 der USA. Schon Obama hatte verkündet, der Mann sei kein Patriot. Da will man natürlich so eine Veröffentlichung verhindern. Also... nein, will man gar nicht! Das amerikanische Justizministerium erklärte, mit der  Klage solle nicht die Veröffentlichung oder Verbreitung des Buches gestoppt werden. Sondern? Die Regierung wolle auf die Einnahmen zugreifen, die Snowden durch das Buch erziele.

Nun ja, man könnte ja argumentieren, dass ohne die NSA und ihre Cyberkrieger das Buch schließlich gar nicht möglich gewesen wäre. Und somit die Tantiemen mit einem gewissen Recht denen bzw. ihrem Auftraggeber, eben der Regierung, zuständen. Lustige Idee. Demnach würde jedes Enthüllungsbuch über dubiose Machenschaften eines Politikers oder erotische Entgleisungen irgendwelcher Promis, genau deren Kassen füllen. Aber so argumentieren die US-Kläger gar nicht. Nein, es geht um Moral! "Geheimdienstinformationen sollten unsere Nation schützen, nicht persönlichen Profit liefern", sagen sie. Und deswegen solle „sichergestellt werden, dass Snowden keine Einnahmen durch den Vertrauensbruch generiere.“ Meine Nachbarin hofft nun folgerichtig auf baldige Klagen gegen facebook oder google, deren Einnahmen ja zum großen Teil durch Vertrauensbruch generiert werden – durch die Weitergabe verdeckt abgeschöpfter Kundendaten nämlich. Hoffen kann man ja alles.

Seit den Veröffentlichungen von Edward Snowden jedenfalls können wir darauf vertrauen, dass die NSA, die TAO, die SCS und die ECC – inzwischen gibt es kaum noch Buchstaben des Alphabetes, die nicht für irgendeine dubiose Unterabteilung der US-Datenschnüffler  herhalten müssen – ihrem Abhörziel immer näher kommen: Anyone, anytime, anywhere. Jedermann, jederzeit, überall. Kann man genau so in einem Geheimdokument der Agency nachlesen. Dank Whistleblower Snowden. Aber nicht, dass Sie jetzt Paranoia bekommen. Sie werden wirklich verfolgt.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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