Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"On Tour"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 06.09.2019 15:20 Uhr

Nr. 744

Nicht dass Sie denken, ich wollte mich über die SPD lustig machen. Also schon, eigentlich, aber der Anstand verbietet's denn doch. In meiner Jugend galt schließlich noch, dass man auf bereits am Boden Liegenden nicht auch noch herumtrampelt. Gut, wir hatten damals auch noch keine Handys, mit denen man sowas ins Netz hätten stellen und dafür ein paar tausend Likes bekommen können. Andere Zeiten halt. Aber eben doch prägend.

Hintergrund
Schwan und Stegner punkten in Saarbrücken
Beim Auftakt des Regionalkonferenzen-Marathons am 4. September in Saarbrücken ist das Kandidatenduo Gesine Schwan und Ralf Stegner am besten angekommen, meint SR-Reporterin Carolin Dylla. Finanzminister Olaf Scholz habe gegen die beiden recht blass gewirkt. Das Duo Lange/Ahrens ist nicht mehr im Rennen.

Also: Am Mittwoch startete in Saarbrücken die große SPD-Tour der Vorsitzendenbewerberinnen. Das sollen und wollen wir ernst nehmen. Auch wenn's schwerfällt. Gesine Schwan beispielsweise, die mit Ralf Stegner in den Ring steigt, verkündete: "Wir sind kein Tandem, wir lenken beide vorne und strampeln beide hinten". Auch nach mehrstündigen Versuchen will es nicht gelingen, mir das Gefährt, auf dem die beiden Richtung Parteivorsitz unterwegs sind, vorzustellen. Selbst nachdem ich die verstörende Tatsache verdaut hatte, dass es laut Wikipedia tatsächlich ein "Nebeneinandem" gibt – auch bei diesem Doppel-Fahrrad kann nur eine Person lenken.

Und das aus gutem Grund – was geschähe, wenn auch nur die kleinste Differenz von zwei Lenker Sternchen Innen aufträte, kann ich mir wiederum sehr gut vorstellen, möchte es aber eigentlich nicht. Die an sich tröstliche Erkenntnis aus dem erwähnten Wikipedia-Artikel über das Tandem-Fahren "Unabhängig davon, wie viel Kraft jeder Fahrer einsetzt – beide kommen immer zugleich an" heißt eben auch: Beide küssen gegebenenfalls gleichzeitig den Asphalt. Aber gut, Frau Schwan ist halt Geisteswissenschaftlerin.

Genauso, wie Klara Geywitz aus Brandenburg, die sich mit Olaf Scholz zum Duo gefunden hat. Sie sei, sagt sie, "kein Salatblatt" zur Dekoration der Hamburger Spaßbremse Scholz. Auch das ein Bild, das ich seitdem verzweifelt versuche, aus dem Kopf zu bekommen. Stattdessen hätte ich lieber gehört, wie sie als Verteidigerin der Agenda 2010 und der Hartz IV-Gesetze sich eine Erneuerung der SPD vorstellt. Und das ausgerechnet mit Olaf, dem Gralshüter der Schwarzen Null, dessen treuherziges Statement, er sei "ein echter, truly Sozialdemokrat" wahrscheinlich really das Äußerste an vermeintlich angesagter Spreche ist, was er sich abringen kann.

Und was könnte den Zustand dieser Partei deutlicher machen, als die Berichte, dass das Team Scheer/Lauterbach die leidenschaftlichste Rede der Regionalkonferenz abgeliefert hätte. Karl Lauterbach und Leidenschaft -  da kann ich mir doch noch eher das doppelgelenkte und -getretene Nebeneinandem von Frau Schwan verbildlichen.

Immerhin hat besagte Leidenschaft den professoralen Wildfang Lauterbach zum kämpferischen Ausruf "Wir müssen immer wieder zeigen, wofür wir stehen" gebracht. Leider war dann seine Zweieinhalb-Minuten-Redezeit abgelaufen, bevor er ausführen konnte, was er denn da gerne zeigen würde.

Sechs Wochen mit 22 Auftritten läuft sie jetzt noch, die große Sozen-Tour kreuz und quer durch die Republik. Meine Nachbarin Barscheck unkt mit Blick auf die 7,7 Prozent in Sachsen schon, das sei wohl eher eine Abschiedstour. Aber was das gilt, wissen wir doch spätestens seit dem Ende von Heinos großer "Abschiedstournee" in diesem Jahr: So einfach werden wir den Mann mit der Sonnenbrille nicht los. Und da wird ja wohl auch bei der SPD noch was gehen, caramba, caracho! Bei all dem Gestrampel, Gelenke und der Lust und Leidenschaft. Ganz im Ernst: Das ist nicht lustig.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.