Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Trendy Andy"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 30.08.2019 16:40 Uhr

Nr. 743

Nicht dass Sie denken, ich sei hoffnungslos altmodisch. Aber ja, ich trete noch selbst. Also in die Pedale. Ganz ohne elektrische Unterstützung. Zugegeben, manche Bergaufstrecken meide ich mit dem Fahrrad einfach, aber so ein bisschen Sport kann ja nicht schaden – solang es noch geht. Dass man als Selbsttreter dazu noch umweltfreundlicher unterwegs ist – prima! Gelegentlich steigt natürlich auch mir ein leises Grummeln in die keuchende Kehle, wenn entspannt im Sattel sitzende Herrschaften mühelos an der Steigung an mir vorbeiziehen – aber bitte: Fahren und fahren lassen.

Seit kurzem nun kurven auch noch zunehmend E-Scooter genannte Tretroller mit elektrischem Antrieb auf den ohnehin knapp bemessenen Radwegen herum. Auf Geheiß Andreas Scheuers, Bundesverkehrsminister und e-go-Shooter der Nation. Ein Beitrag zur Verkehrswende, sagt er, super für die berühmte "letzte Meile" von Bahn, Bus oder Parkplatz bis zum anvisierten Ziel, umweltfreundlich, leise und hip.

Um letzteres zu beweisen, ließ sich trendy Andy im Flur seines Ministeriums auf so einem Gefährt für dpa ablichten. Gut sichtbar auf der stylischen Ein-Arm-Schwinge am Vorderrad der Hinweis auf die Herkunft des Rollers aus dem Hause der bayerischen Motorenwerke. Aber das muss wohl so sein, wenn man CSU-Minister ist und keine Lust hat, die 2400 Euro für das Edelteil aus eigener Tasche zu berappen. Nach dem Fototermin aber ist der flotte Minister erstmal abgetaucht – zumindest, was das Thema E-Scooter angeht.

Während sich draußen in der realen Welt die Probleme mit den Dingern häufen. Unschöne Unfälle – Helme "look like shit", maximal unhip. Massive Zweifel an der tatsächlichen Umweltfreundlichkeit der Roller, deren ressourcenverschlingende Akkus ja auch mit "normalem" Strom aufgeladen werden. Zunehmend mit den abgestellten Fahrzeugen zugemüllte Innenstädte. Denn natürlich sind sofort nach Zulassung der E-Scooter in Deutschland die Roller-Verleiher aufgetaucht. Super. Handy-App runterladen, registrieren und ab geht’s mit dem nächsten herumstehenden Summsemann durch die City. Übrigens: Laut Umfragen unter den Nutzern hätten ca. 85 Prozent sonst den ÖPNV genutzt oder wären zu Fuß gegangen. Was entschieden umweltfreundlicher gewesen wäre.

Zudem müssen die Zeitgeist-Zweiräder ja auch wieder aufgeladen werden. Sprich: Irgendwer muss die Scooter einsammeln, an die Steckdose hängen und dann wieder auf die Straße zurückbringen. Einige Firmen lassen dafür nachts extra Transporter fahren, gerne von Niedriglöhnern gesteuert, die tagsüber schon als "Selbständige" Pakete ausfahren.

Andere haben den "Juicer" erfunden. Privatpersonen, die sich ein Zubrot verdienen wollen. Maximal zehn Scooter darf so ein Juicer pro Tag, bzw. pro Nacht einsammeln, aufladen und wieder abstellen. Vier Euro gibt’s pro Roller. Wenn... wenn das Ding bis 8 Uhr zu mindestens 95 Prozent aufgeladen wieder an seinem Standplatz steht. Für weniger Ladung oder Verspätung gibt’s Abzüge. Den Ladestrom bezahlt ebenfalls der "Juicer" oder die "Juicerin". Nun braucht so ein Scooter-Akku bis zu sechs Stunden Ladezeit, die meisten können erst nach 21 Uhr eingesammelt werden, und zehn Ladegeräte hat auch niemand zuhause. Da muss man sich halt nachts mal den Wecker stellen und umstöpseln. Schläft man halt etappenweise. Macht einen Stundenlohn zwischen 3,50 Euro und 5,70 Euro.

Aber das alles hat Andy natürlich nicht voraussehen können. Wie auch, sagt meine Nachbarin Barscheck. Seine Position im entsprechenden Körperteil der Autoindustrie verhindert nun mal jegliche Vorausschau nachhaltig.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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