Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Sail Away"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 23.08.2019 16:40 Uhr

Nr. 742

Nicht dass Sie denken, ich wüsste die Vorteile des Internets nicht zu schätzen. Es ist großartig, was wir durch ein paar Klicks an Informationen bekommen. Antworten auf Fragen, die wir in dumpfen Vor-Google-Zeiten nicht einmal hätten stellen können. Weil ja auch die meisten Fragen überhaupt erst beim Stöbern im weltweiten Netz auftauchen. Nach zwei Stunden Surfen auf den Pfaden der links und likes haben wir schon mehr wieder vergessen, als wir früher überhaupt gewusst haben! Toll!

Früher hätten Sie und ich zum Beispiel vielleicht einfach Greta Thunberg für eine Heldin gehalten. Und wir hätten den Namen natürlich Thunberg ausgesprochen, wie in Thunfisch, weil uns Wikipedia nicht hätte verraten können, dass das „u“ im Schwedischen natürlich ein gerundeter geschlossener Zentralvokal ist. Wir hätten Greta wahrscheinlich bewundert für ihren Einsatz für den Klimaschutz und natürlich hätten wir es auch ganz toll gefunden, dass das Mädchen sich per Segelboot in die USA aufmacht, um klimaneutral zur UN-Klimakonferenz zu kommen.

Niemand hätte uns vorgerechnet, dass das alles Quatsch ist. Weil eine zweite Schiffscrew für die Rückfahrt des Schiffs nach Amerika fliegt und der jetzige Skipper dann auch wieder zurück. Ha! Von wegen Heldin! Nicht mal rechnen kann die Göre, sollte vielleicht doch freitags lieber am Matheunterricht teilnehmen.

Außerdem finden wir zwei Klicks weiter ein Foto von Greta, die im Zug zu irgendeiner Klimaveranstaltung ihre vegane Pampe aus Plastikgeschirr isst. Plastik! Erwischt, liebe Greta. Gut - wer nie seinen Quinoa-Salat aus der Plastikschale aß, der werfe den ersten Kaffeebecher. Aber eine Heldin hätte sich ja schließlich handgeschnitzte Holznäpfe oder irgendwas aus recycelten Bambusfasern mitnehmen können.

Und überhaupt: Wussten Sie, dass Gretas Mutter Malene Ernmann 2009 am Finale des European Song Contests teilgenommen hat? Nee? Redet ja auch keiner drüber. Außer "ruhr24" im, jawoll, Internet. Wo wir auch lesen, dass Frau Ernmann das nur getan hat, "weil meine Kinder und mein Mann mich dazu ermutigt haben..." Also folgert die Journalistin, da "wäre Greta Thunberg treibende Kraft dahinter gewesen". Na klar. Greta war damals zwar erst sechs Jahre alt – aber macht das irgendetwas besser? Mutter Thunberg landete jedenfalls mit ihrem Song auf Platz 21. Einen Platz hinter Deutschland. Typisch.

Und wie diese Greta schon aussieht! Brandenburgs AfD-Spitzenkandidat Andreas Kalbitz sagt's uns: Ein "zopfgesichtiges Mondgesicht-Mädchen" ist sie. Von dieser messerscharfen Beobachtung des glatzgesichtigen AfD-Gesichtes hätte ich ohne das www nie etwas erfahren. Genauso wenig wie von AfD-Sprecher Meuthens präziser Einschätzung, der Versuch Gretas, ohne CO2-Verschwendung über den Teich zu kommen, sei nichts als ein "neureicher Segeltörn" und deswegen müsse nun Schluss sein mit dem "quasi-religiösen Greta-Hype". Den wir uns ja jeden Freitag ansehen müssen, wenn wieder tausende von Jugendlichen in glühender Greta-Verehrung über unsere Straßen ziehen.

Spiegel online verrät uns zu guter Letzt auch noch, dass Greta im Falle einer bedrohlichen Situation auf dem Meer durchaus bereit wäre "den Diesel anzuschmeißen". Siehste! Ruft das Volk der Kreuzfahrtbegeisterten. Eine Heldin würde lieber absaufen, als ihre Ideen zu verraten.

Was täten wir ohne all diese Informationen? Wir würden vielleicht ganz naiv über die Probleme des Klimawandels reden und was dagegen zu tun wäre. Nicht auszudenken.

Meine Nachbarin Barscheck findet Greta natürlich toll. Trotz aller Widersprüche. Einfach so. Und zitiert Brecht: "Unglücklich das Land, das Helden nötig hat."


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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