Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Schwarzes Loch"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 16.08.2019 16:40 Uhr

Nr. 741

Nicht dass Sie denken, ich hätte etwas gegen Nullen. Also gegen den Kringel, der in unserem Zahlensystem das Nichts beschreibt. Durchaus übrigens symbolisch gemeint als bildliche Darstellung der Leere. Eine Null ist nix mit Etwas drumherum, weil man das Nix sonst so schlecht erkennen kann. Zumal auf weißem Papier.

Die Geschichte der Null – damit meine ich hier nicht etwa eine Historie der CSU-Verkehrsminister von Ramsauer bis Scheuer – verrät uns nicht nur das, sondern auch, dass die Zahl wohl im alten Indien entstanden ist und dass hierzulande erst ab etwa dem 17. Jahrhundert damit gerechnet wurde. Natürlich hatten die Menschen auch vorher schon gelegentlich nichts, aber sie schrieben es halt nicht auf. Vielleicht auch weil sie nichts zu schreiben hatten. Oder gar nicht schreiben konnten. Jedenfalls hätte zu diesen Zeiten ein Politiker nur schwerlich reüssiert, wenn er so etwas wie eine schwarze Null gefordert hätte. Das Volk hätte das schlichtweg nicht verstanden.

Woran sich vermutlich auch soo viel nicht geändert hat, aber man glaubt halt an die segensreiche Wirkung des schwarzen Kreises als oberstes Staatsziel. Keine neuen Schulden, das klingt ja auch großartig in den Ohren der privat zunehmend verschuldeten deutschen Bürgerinnen und Bürger. Immerhin zehn Prozent von ihnen gelten als überschuldet, besonders drastisch zugenommen haben dabei die Mietschulden und die Schulden alter Menschen.

Mag sein, das hat etwas mit den rasant gestiegenen Mieten und den mickrigen Renten zu tun. Was seinerseits wiederum durchaus mit der berühmten Schwarzen Null zusammenhängt. Um die zu halten, wurde der soziale Wohnungsbau ebenso zusammengestrichen wie das Rentensystem zunehmend privatisiert. Aber das kommt halt im Narrativ der Schwarzen Null nicht vor. Das handelt von der berühmten schwäbischen Hausfrau, die ja auch weiß, dass sie keine Schäufele auf den Tisch bringen kann, wenn Ebbe in der Haushaltskasse ist. Gibt's eben Käsespätzle.

Auch lecker, taugt nur nicht als Vergleich mit dem Staatshaushalt. Denn der muss halt investieren – in Straßen, Schienen, Schulen, Schwimmbäder, Polizei und Digitalausbau. Hat er aber in den letzten Jahren viel zu wenig getan – wegen Schwarzer Null. So dass wir jetzt einen Investitionsstau von mehreren hundert Milliarden haben, den irgendwann irgendjemand auflösen muss, wenn uns nicht noch die letzte Brücke unter dem Hintern weg bröckeln und das letzte Schulklo wegen Überfüllung geschlossen werden soll. Soviel zum Thema "Wir sparen im Interesse künftiger Generationen".

Das ist alles nicht neu und geht ja nun schon lange so und auch der jetzige rote Finanzminister Scholz hat ja noch bei der Amtsübernahme gleich mit der schwarzen Dingens gewedelt. Und jeder, der auf die Probleme hingewiesen hat, hat unverzüglich eine auf die Ohren bekommen. Neu ist aber, dass jetzt sogar der Bund der deutschen Industrie BDI eine rasche Abkehr von der strikten Finanzpolitik fordert. Dass sogar in der SPD und der CDU Kritik am Kringel laut wird. Und selbst der Chefgrüne Habeck jetzt verkündet, wer angesichts der anstehenden Aufgaben noch an der ominösen Null festhalte, betreibe "Voodoo-Politik".

Meine Nachbarin Barscheck mag sich allerdings schon aus ästhetischen Gründen nicht vorstellen, wie sich unsere Regierung zu nächtlichen Ritualen mit Tanz und Trommeln um den schwarzen Götzen versammelt, um die drohenden Geister der Rezession zu verjagen. Nackig.

Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" vom 16.08.2019 auf SR 2 KulturRadio.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.