Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Augen geradeaus!"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 26.07.2019 16:20 Uhr

Nr. 738

Nicht dass Sie denken, ich wollte hier nun auch wieder über Annegret Kramp-Karrenbauer herziehen. Mich einreihen in den Chor derer, die ihr die Kompetenz absprechen - für das Amt der Oberbefehlshaberin über unsere Truppe. Warum auch?

Es ist generell eher die Ausnahme, dass jemand, der ein Fachministerium übernimmt, dafür besonders kompetent ist. Im Sinne von Fachkenntnis oder gar einschlägiger Ausbildung. Der Finanzminister ist Jurist, der Innenminister Verwaltungsbetriebswirt und unsere Bildungsministerin Bankkauf-, Hotelfach- und Diplom-Kauffrau. Nur zum Beispiel. Muss ja alles irgendwie auch gehen.

Und gar der Vorwurf, Annegret habe ja "nicht gedient"! Je nun. Seehofer hat, soweit bekannt, auch nie auf einer Baustelle geackert und ist jetzt für "Bau" zuständig. Im übrigen ließ zu Zeiten, als AKK im üblichen Dienstalter war, die Bundeswehr nur Ärztinnen, Zahnärztinnen, Tierärztinnen und Apothekerinnen zum Dienst zu. Erst ab 1988 hätte AKK dann eine Karriere im Sanitäts- oder Militärmusikdienst einschlagen können – also bitte!

Aber dann sind da ja immer noch die, die generell eine Frau als Verteidigungsministerin ablehnen. Als hätten nicht schon genug Herren ihre Unfähigkeit auf diesem Sessel unter Beweis gestellt, stöhnt meine Nachbarin Barscheck.

An Selbstvertrauen mangelt es der Neuen jedenfalls nicht: "Ich habe auch in der Vergangenheit bei all meinen politischen Ämtern immer wieder bewiesen, dass ich mich sehr schnell einarbeiten kann". Na also. Obwohl mich die religiöse Formel, die AKK selbstverständlich bei ihrem Amtseid benutzte, doch immer ein wenig stutzig macht. "So wahr mir Gott helfe"?

Was aber, wenn der Herr dann doch nicht mit guten Ratschlägen zur Stelle ist, wenn‘s darauf ankommt? Und wenn, dann können wir nur hoffen, dass auch ER sich "sehr schnell einarbeiten kann". Seine letzten strategischen Ausführungen, überbracht vom alten Moses, waren doch etwas harsch: Nach der Eroberung einer feindlichen Stadt, so der göttliche Einsatzbefehl, "sollst du alle männlichen Personen mit scharfem Schwert erschlagen. Die Frauen aber, die Kinder und Greise, das Vieh und alles, was sich sonst in der Stadt befindet, alles, was sich darin plündern lässt, darfst du dir als Beute nehmen". Kann man ja so heute auch nicht mehr sagen.

Annegret jedenfalls will "aus vollem Herzen" - und nicht etwa auf Forderungen von anderen hin - den Wehretat auf die berühmten zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes erhöhen. Denn Sicherheits- und Verteidigungspolitik hätten ja "höchste Priorität"! Im Gegensatz zu Bildung, Grundrente, Wohnungsbau oder Investitionen ins Schienennetz, für die regelmäßig kein Geld da ist. Dafür soll's nun wieder mehr öffentliche Gelöbnisse geben. Das wäre doch eine schöne "Anerkennung für unsere Soldatinnen und Soldaten", sagt AKK. Weil die Bundeswehr ja in die "Mitte der Gesellschaft" gehört.

Ist ja auch immer was fürs Auge und fürs Herz, wenn da die jungen Leute in ihren schmucken Uniformen auf dem Marktplatz antreten, mit den ganzen Fahnen und Waffen und dem Tschingdarassabum der Militärkapellen.

In die Mitte der Gesellschaft gehören aber auch noch andere Berufsgruppen, meint meine Nachbarin. Und stellt sich die öffentliche Vereidigung bei der Verbeamtung von Lehrern beispielsweise vor. Die könnten auch ein bisschen moralische Aufrüstung brauchen, bevor sie in ihre maroden Schulen an die Bildungsfront ziehen müssen. Wäre vielleicht nicht ganz so glamourös. Aber die Blockflötengruppe der Gemeinschaftsschule könnte zumindest aufspielen. "Alle Kinder lernen lesen, Indianer und Chinesen". Und die Fähnchen könnte ja die Kita des Bundesverteidigungsministeriums basteln. Wär doch auch schön.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.