Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Wandernde Müllberge"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 19.07.2019 16:40 Uhr

Nr. 737

Nicht dass Sie denken, ich kennte mich nicht mit der Mülltrennung aus. Dank jahrelanger Schulung durch meine Nachbarin Barscheck kann ich auch nachts um drei aus dem Tiefschlaf gerissen noch fehlerfrei aufsagen, was in den gelben Sack darf. Von Aluschalen bis Styroporformteilen. Das sind die Dinger, die aussehen wie von einem Geometrielehrer auf Ecstasy designed, und die Ihre beim Versandhandel bestellte Tonerkartusche vor den Unbillen des Transportes schützen. Und nebenbei dafür sorgen, dass das 25 Zentimeter große Teil in einem Karton von der Größe eines Kleinwagens in ihrem Hausflur landet. Der selbstverständlich in die blaue Tonne gehört. Der Karton, nicht der Kleinwagen.

Um drei Uhr fünf schlafe ich dann befriedigt weiter - alles richtig weggeschmissen ist ein sanftes Ruhekissen. Dummerweise ereilt mich dann in den Morgennachrichten die Meldung, dass im indonesischen Batam zehn Container mit deutschem Abfall rumstehen, die demnächst an uns zurückgehen, weil man sie dort nicht mehr haben will. Wie auch schon China seit 2018. Und in Malaysia,Vietnam und auf den Philippinen liegen auch noch ein paar Tonnen deutsche Wertstoffe rum. Zwischen die leider auch noch tonnenweise unsortierter Hausmüll und giftiges Zeugs geraten waren.

Was ist da los? Hallo, Deutschland ist Recycling-Weltmeister! Weiß doch jeder. Aus unseren Plastikflaschen werden lauschige Parkbänke und kuschelige Fleecepullis. Oder formschöne Blumenkübel. Ja, nee, sagt die Deutsche Gesellschaft für Abfallwirtschaft. Und spricht von "Quotenzauber" bei der offiziellen Statistik. Weil dafür nämlich als recycelt gilt, was in den Hof einer Recycling-Anlage gebracht wird. Egal, was dann damit geschieht – verbrennen oder in irgendein Drittweltland verklappen. Das ist so, als wenn Ihr Auto die TÜV-Plakette schon bekäme, wenn Sie es nur kurz bei Ihrer Werkstatt auf den Parkplatz stellen.

Von den angegebenen 83 Prozent Recycling bei Verpackungen und Kunststoffen bleiben bei realistischer Betrachtung nur 20 bis 50 Prozent übrig. Wie auch von meinem bisherigen guten Umweltgewissen. Weniger und wenn schon, dann umweltfreundlicherere Plastikbehältnisse, beschließt meine Nachbarin umgehend. Das allerdings wird ohne profunde Weiterbildung schwer.

Klar, Polyethylen, Polypropylen oder gar Polyethylenterephthalat geht gar nicht. Ist alles aus fossilen Stoffen und hält gute 400 Jahre. Auch fossil, aber abbaubar ist dagegen Polybutyratadipat-Terephthalat, während Bio-Polyvinylchlorid ebenso wie Polytrimethylenterephthalat zwar teils aus nachwachsenden Rohstoffen gefertigt wird, aber nicht abbaubar ist. Da empfehlen sich eher Produkte aus Polybutylensuccinat oder Polyhydroxyalkanoaten. Kann man sich ja mal merken.

Abbaubar ist aber auch nicht unbedingt gut. Der Gesetzgeber hat verfügt, dass "abbaubar" bedeutet, dass der Kram innerhalb von zwölf Wochen zu 90 Prozent in Teile kleiner als zwei Millimeter zerfallen können muss. Was mit diesen Krümeln dann wird, weiß leider so genau noch keiner. Aber vom Mikroplastik in Meeren, Flüssen und Trinkwasser hat man ja schon mal gehört.

Und jetzt müssen wir also noch ein paar Millionen Tonnen Plastikmüll mehr entsorgen, weil diese undankbaren Dritte-Welt-Länder uns den Krempel einfach zurückschicken. Machen inzwischen wahrscheinlich ihren eigenen Müll, um den sie sich kümmern müssen. Aber keine Angst, Plastik-Vermeidung ist bei uns das Gebot der Stunde. Schon sind Trinkhalme und Bestecke aus Kunststoff EU-weit verboten. Und die ersten Kondome aus umweltfreundlichem Material sind auch schon im Handel. In welchen Sack die dann gehören, muss ich noch rauskriegen.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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