Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Wieselgezwitscher"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 12.07.2019 16:20 Uhr

Nr. 736

Nicht dass Sie denken, es interessierte mich besonders, was Donald Trump privat so macht. Das wenige, was mir zu Ohren gekommen ist – Golfspielen, FoxTV gucken, Haare sprayen, Frauen begrapschen – löst bei mir nicht den Wunsch aus, mehr zu erfahren.

Ich gehöre auch nicht zu den mehr als 61 Millionen Twitter-Followern des Präsidenten, Menschen also, die sich dessen Wortgewöll ständig auf ihre Smartphones, Tablets oder PCs schicken lassen. Das sind im vergangenen Jahr immerhin mehr als 3500 tweets gewesen, also beinahe zehn am Tag. Menschen meines Alters sollten sich da schon überlegen, wofür sie die ihnen verbleibende Lebenszeit nutzen wollen.

Zu meinem Erstaunen musste ich jetzt erfahren, dass Donald all seine Kurzpamphlete nicht etwa als Präsident der Vereinigten Staaten in die Tasten haut, sondern als Privatperson! Das ließ er zumindest seine Anwälte vor dem New Yorker Bundesberufungsgericht mitteilen. Es ist also wohl ein privates Hobby des Präsidenten, die Weltöffentlichkeit über Entlassungen von Ministern, seine Besuche beim großartigen Kim Jong Un oder die neuesten Strafzölle gegen China zu informieren.

Zur Beurteilung des Gerichtes lag die Frage vor, ob Trump Follower, die durch besonders kritische Kommentare sein Missfallen erregt haben, einfach sperren durfte. Zu denen an prominenter Stelle der Grusel-Bestseller-Autor Stephen King gehört, für den Trumps Präsidentschaft der wahre Horror ist. Und mit Horror kennt sich der Mann ja nun definitiv aus.

Jedenfalls entgegnete der Meister des Schreckens auf die freundliche Einladung von Donald Trump "Morgen früh um sechs Uhr werde ich von FOX interviewt. Genießt es" lakonisch: "Eher würde ich ein rohes Wiesel essen." Solcherlei Unappetlichkeiten wollte der Präsident der einfachen Sprache künftig nicht mehr in seinem account lesen müssen und sperrte den Autor. So ganz privat.

Das Gericht aber machte nun, schon in zweiter Instanz, deutlich, dass jemand, der regelmäßig "Entscheidungen von öffentlicher Tragweite über Twitter kommuniziere", keineswegs als Privatmann unterwegs sei, sondern sich in einem öffentlichen Forum bewege. Und somit sind die Sperrungen eben eine "Diskriminierung von Meinungsfreiheit". Ein harter Schlag für den Präsidenten, er muss nun auch weiterhin dulden, dass Stephen King und andere Zeitgenossen sich auf seinem twitter-account Luft machen.

Donald versammelte sich daraufhin in dieser Woche mit anderen Opfern im Weißen Haus, die sich allesamt von Facebook, Twitter und den bösen Medien untergebuttert und zensiert fühlen, zum gemeinsamen Wehklagen. Man wäre gerne dabei – ein paar Minuten zumindest. Aber wir werden  ja sicher ausführlich per twitter darüber berichtet bekommen.

Meine Nachbarin Barscheck wartet ja immer noch auf die entsprechenden Kommentare zu Donalds tweet, in dem er dem Iran "Auslöschung" androht. Wörtlich. Mit solcherlei Formulierungen, sagt sie, habe man sich bislang nach allgemeiner Auffassung politisch aus der zivilisierten Gemeinschaft verabschiedet. Trumps Vernichtungsvisionen aber kommen allenfalls als "rhetorische Verschärfung" oder "sprachliche Eskalation" in die Berichterstattung.

Wahrscheinlich geht sowas eben einfach unter in den versammelten Beleidigungen, Beschimpfungen, Unterstellungen und Unwahrheiten, die der Präsident täglich so raushaut. Es ist wahrlich zum Wiesel-Frühstücken.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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