Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Wahlgesänge"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 05.07.2019 16:20 Uhr

Nr. 735

Nicht dass Sie denken, ich sei jetzt furchtbar enttäuscht. Also von dem Ergebnis der Hinterzimmer-Pokerrunden, die jetzt Ursula von der Leyen als Kommissionspräsidentin der EU wie ein fünftes Ass aus dem Ärmel gezogen haben. Warum auch?

Es hätte uns ja allen klar sein können, dass die uns zur Wahl präsentierten Spitzenkandidaten nicht mehr als ein Serviervorschlag waren. Sie wissen schon, wie auf den Etiketten der Billig-Erbsensuppe aus den Regalen unseres Lieblings-Discounters. Da lässt uns eine samtige Flüssigkeit, in der sich a-point-gegarte Hülsenfrüchte räkeln, gekrönt von einem taubenetzten Kräuterbüschel, das Wasser im Munde zusammenlaufen. Auf dem Teller findet sich dann aber eine undefinierbare Pampe mit seltsamen Klümpchen und mikroskopischen Partikeln von Trockenpetersilie. Wobei ich mich hier jetzt nicht festlegen möchte, ob nun Manfred Weber das leckere Hülsenfrüchtesüppchen ist und Frau von der Leyen die Erbsenpampe oder umgekehrt.

Ein Besuch auf der Website des kaltgestellten EVP-Bewerbers zeigt noch zwei Tage nach dem Desaster den stolzen Schriftzug "Candidate for President of the European Commission", gefolgt von der Bitte, ihn zu wählen. Unter der Headline "The Power of WE". WE wie Wieber. Nein, Weber. Egal.

Ursel dagegen präsentiert sich mit ihren Kernkompetenzen: "German Minister of Defence. Mother of seven, Brussels-born, European by heart." Das muss reichen. Und spätestens ihr Tweet "Hallo Europa. Hallo Europe. Salut l’Europe!" macht klar: Sie kann's. Und das dreisprachig. Chapeau! Hut! Hat!

Das Schlimme ist ja nicht so sehr das Ergebnis des EU-Machtgezerres, sondern die Tatsache, dass wieder einmal mit großem Tam-Tam und öffentlichen Bekenntnissen zu Europa und Demokratie das Volk zu den Wahlurnen gerufen wurde, um dann hinterher mit einem kaum verhohlenen "Ätsch" klarzumachen, wer das Sagen hat. Die Regierungschefs nämlich, nicht das Wahlvolk.

Und ob das EU-Parlament sich tatsächlich trauen wird, die von oben bestimmte Kandidatin durchfallen zu lassen, ist mehr als zweifelhaft. Man muss kein hochbezahlter Zukunftsforscher sein, um vorauszusagen, dass beim nächsten Mal wieder deutlich mehr Leute zum sonntäglichen Frühschoppen ins Stammlokal wandern werden als ins Wahllokal.

Selbst Angela Merkel fällt zum Ergebnis der  tage- und nächtelangen Verhandlungen nichts Positiveres ein, als dass man ein einstimmiges Ergebnis zustande gebracht habe. Hurra. Und natürlich, der Stolz darüber, dass Deutschland den wichtigsten EU-Posten besetzen kann. Zweimal Hurra! Und last not least: Dass es zum ersten Mal eine Frau ist, die auf dem Präsidentinnensessel Platz nehmen darf. Das findet. Wenn ich das mal parteiunabhängig und geschlechtsbezogen sagen darf“.

Darf sie natürlich, aber selbst meine Nachbarin Barscheck, sonst immer bereit, einen Prosecco-Korken knallen zu lassen, wenn eine Geschlechtsgenossin in ein Spitzenamt gelangt, bleibt in diesem Falle doch bei Mineralwasser. Frausein allein ist ihr dann doch zu wenig Kompetenz zum Feiern. Zumal diese Frau dann eben doch wieder von den Alphamännchen der EU als Kompromisskandidatin ins Amt gehievt worden ist. Enttäuschend.

Ebenso wie die Erkenntnis, dass die Wahlgesänge der großen Parteien, doch einiges mit den Gesängen der großen Meeressäuger gemein haben: Es handelt sich in beiden Fällen um "vorhersehbare und sich wiederholende Strophen". Von denen niemand zu sagen weiß, was sie letztlich bedeuten sollen.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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