Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Doppelspitze"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 28.06.2019 15:40 Uhr

Nr. 734

Nicht dass Sie denken, ich sei auf der Suche nach einem neuen Job. Am 1. Juli, an dem ja nun die Bewerbungsfrist für den Posten des SPD-Vorsitzes beginnt, steht kein rotes Kreuz in meinem Kalender. Ich bin ja auch nicht mal Mitglied dieser altehrwürdigen Vereinigung.

Obwohl das vielleicht nicht einmal ein Hinderungsgrund wäre. Thomas Oppermann kam diese Woche ja schon mit dem Vorschlag, zumindest das Wahlrecht für die Vorsitzsuche auch Nichtmitgliedern anzubieten. Für fünf Euro. Warum man dafür Geld zahlen sollte, blieb ein bisschen unklar, aber der Vorschlag ist seit der Sitzung des kommissarischen Parteivorstandes ja ohnehin vom Tisch.

Auch so weht ein kräftiger Hauch von Verzweiflung aus der Parteizentrale. Nach neuestem Stand soll es nun also eine Doppelspitze richten, Mann und Frau möglichst, nicht etwa nach Flügelzugehörigkeit sortiert, sondern verstehen sollen sich die beiden. Miteinander können. Wie es in der inoffiziellen SPD-Hymne "Wenn wir schreiten Seit an Seit" in der fünften Strophe heißt:

„Mann und Weib und Weib und Mann
Sind nicht Wasser mehr und Feuer
Um die Leiber legt ein neuer
Frieden sich...“

Schön! Und "Mit uns zieht die neue Zeit".

"Herzblatt" auf sozialdemokratisch: "Kandidat 1, würdest du deiner Mitvorsitzenden nach einem langen Wahlkampfauftritt mit einer Fußmassage wieder auf die Beine helfen?" "Kandidatin 2, wie verhältst du dich, wenn dein Mitvorsitzender sich wieder mal auf facebooktwitterinstagram einen shitstorm eingefangen hat?"

Vielleicht sollte man doch auf Profis im Paarungsgewerbe zurückgreifen. Da verliebt sich, wie wir wissen, alle elf Minuten ein Single. Macht pro Tag immerhin 130 Menschen! Da wird ja wohl auch der eine oder die andere Sozialdemokratin dabei sein! Denn einfach wird die Sache nicht, soviel steht fest. Für das angekündigte "Wettrennen" um den Posten braucht es ja doch wenigstens ein paar Leute am Start. Und da sieht es eher trübe aus. Aus der Promi-Riege haben mehr oder weniger schon alle abgewinkt.

Zurzeit haben meines Wissens nur Gesine Schwan und Thomas Kutschaty bekundet, antreten zu wollen. Gesine Schwan ist immerhin schon 76, aber das ist, wie meine Nachbarin Barscheck betont, beileibe kein Hinderungsgrund. Sie findet es gut, auch ältere Menschen in Führungspositionen zu bringen. Zum anderen ist die Halbwertszeit von SPD-Vorsitzenden ohnehin so kurz, dass das Alter da keine Rolle spielt. Seit den Zeiten Willy Brandts hat die SPD schon ganze 14 Vorsitzende verschlissen, so what?

Und der Herr Kutschaty, ja, den kennt niemand, aber das hat ja auch sein Gutes. Kann man ja auch "unverbraucht" nennen, ein "neues Gesicht" oder "frischen Wind". Der kommissarische Vorstand hat ja ausdrücklich auch Mitglieder "aus der zweiten oder dritten Reihe" zur Bewerbung aufgerufen. Es wird doch irgendwo da draußen im Land noch einen Sozialdemokraten oder eine Sozialdemokratin geben, die den desolaten Haufen wieder auf Vorderfrau bringen kann.

Oder wenigstens den Kopf hinhält, wenn's nicht klappt. Denn pünktlich zum Abschluss der Bewerbungsfrist am 1. September finden die Wahlen in Brandenburg und Sachsen statt. Derzeitiger Umfragestand für die SPD: 19,7 bzw. 8,5 Prozent. In beiden Fällen hinter der AfD. Kann sein, dass angesichts dieser Startvorlage für die Neuen auf dem Parteitag im Dezember dann doch nur ganz alternative Wahlmethoden bleiben. Flaschendrehen oder Abzählvers. Der Verlierer muss dann eben. Ist ja nicht für lange.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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