Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Ganz neue Rechte"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 21.06.2019 16:20 Uhr

Nr. 733

Nicht dass Sie denken, die Goldwaage zählte zu meinen bevorzugten Arbeitsgeräten. Ich besitze ja auch erheblich zu wenig von dem glänzenden Edelmetall, als dass sich die Anschaffung eines solchen Präzisionsgerätes überhaupt lohnen würde. Nun ist es ja so, dass die Goldwaage bei weitem häufiger als zum tatsächlichen Barren- oder Nuggetswiegen zum Abwägen von Worten genutzt wird – in metaphorischem Sinne. Und dass, obwohl beim Wortausstoß gerade der Politiker und -innen von Gold zu sprechen sich meist verbietet. Nicht einmal zum Glänzen reicht es da oft.

Sei's drum. Im konkreten Falle der Worte aber, die unser Innen-, Heimat- und Blasmusikminister Seehofer zum Mord am Kassler Regierungspräsidenten gesucht, gefunden und dann auch umgehend in die erigierten Mikrofone der Presse verklappt hat, ist genaues Hinhören und noch genaueres Abwiegen doch wohl angebracht. Er sprach von einem "rechtsextremistischen Anschlag auf einen führenden Repräsentanten des Staates" und dabei gehe es „um einen Anschlag gegen uns alle. Das ist eine neue Qualität.“ Da wackelt die Goldwaage doch schon ganz erheblich.

Worin, bitteschön, besteht denn diese "neue Qualität“? Darin, dass es diesmal einen "führenden Repräsentanten des Staates" erwischt hat? Statt namenloser Flüchtlinge, deren Wohnheime angezündet wurden? Oder kleiner Ladenbesitzer mit türkischem oder griechischem Hintergrund, die der NSU ermordet hat? Oder irgendeinem Menschen mit der falschen Hautfarbe, der sich in einer von den Neonazis "befreiten Zone" zur falschen Zeit aufgehalten hat? Und waren das keine "Anschläge gegen uns alle", die wir gehofft hatten, wir lebten in einem offenen und sicheren Land?

Das Gefasel von der "neuen Qualität“ hat selbst nichts davon. Schon 2008 nach dem Angriff auf den Passauer Polizeichef hat der damalige Regierungssprecher eine „neue Qualität“ erkannt. Ebenso wie zahlreiche Politiker im Jahre 2011, als die Existenz einer Terrorgruppe namens NSU bekannt geworden war. Die sich damals schon seit zehn Jahren quer durch die Republik gemordet hatte, nicht zuletzt deswegen unbehelligt, weil die Polizei lange Zeit im Falle der von ihnen "Dönermorde“ und "Mordserie Bosporus" genannten Taten im sogenannten "Migrantenmilieu" ermittelt hatte.

Die "Zeit" kam im letzten Jahr in einer Dokumentation auf 169 Todesopfer durch rechte Gewalt. Und auch ein Herr Seehofer müsste sich noch an den Oktoberfestanschlag vom Jahre 1980 erinnern, bei dem zwölf Menschen von einem Täter aus dem Umfeld der berüchtigten "Wehrsportgruppe Hoffmann" umgebracht worden sind. Wer jetzt wieder, wie unser Innenminister, von "einer neuen Qualität" spricht, hat all die bisherigen Opfer offenbar vergessen und verhöhnt sie damit obendrein.

Immerhin, dem Horst ist jetzt klar: "Der Rechtsextremismus ist eine erhebliche und ernst zu nehmende Gefahr für unsere freiheitliche Gesellschaft." Doch schon.

Meine Nachbarin Barscheck findet auch die Frage, ob der Täter von Kassel denn nun einem rechten Netzwerk angehört habe, mehr als absurd. Ein NPD-Aktivist, der wegen eines Angriffs auf eine DGB-Demo gesessen und wegen eines Rohrbombenanschlags auf ein Asylantenheim vor Gericht gestanden hat.  Außerdem zeigen seine Internet-Kommentare ebenso wie die prompt eingegangenen Häme-Sprüche zum Tod von Walther Lübcke hinreichend, wie vernetzt die Rechte auftritt. Netzwerke, die ihre Ausläufer ja inzwischen bis in den Bundestag hinein haben. Sagt meine Nachbarin. Wer mag, kann diesen Satz ja auf die Goldwaage legen.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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