Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"home sweet home"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 07.06.2019 16:20 Uhr

Nr. 731

Nicht dass Sie denken, ich kennte mich gut mit Berufsbildern aus. Also damit, was Angehörige bestimmter Berufsgruppen so machen. Keine Ahnung, womit genau ein site training officer, ein Golfball-Taucher oder ein shout-coach seine Brötchen samt veganer Aufstrichpaste verdient. Jahrelang erschien mir in den Stellenanzeigen der Job eines "Arbeitsvorbereiters" als der Traumjob schlechthin. Aus reiner Unkenntnis, versteht sich. Klang halt so, als ob die eigentliche Arbeit dann andere machen müssten. Also: Augen auf bei der Berufswahl.

Seit längerem beispielsweise arbeitet sich der Zeitgeist am home-office ab. Wer dabei an die gute alte Heimarbeit denkt, als noch im Kreise der Familie fleißig Kugelschreiber zusammengebaut, Wunder eingetütet oder Briefmarkenschaupackungen fertig gefriemelt wurden, entlarvt sich als altbackener Trendignorant und sagt zu seinem facility manager wahrscheinlich immer noch Hausmeister.

Das home-office dagegen ist neu und jung und top und pop. Der officer muss sich nicht mehr durch morgendliche Staus ins stressige Großraumbüro schleppen und seine Ration Büroplörre in der Kaffeküche erkämpfen. Sein Arbeitsplatz ist die heimatliche Wohnung – sein Schreibtisch, sein Notebook, sein Smartphone, sein Kaffeevollautomat. Das Paradies. Klar also, dass die SPD, schon seit jeher für paradiesische Zustände in der Arbeitnehmerschaft zuständig, sich ein allgemeines Recht auf das home office auf die zartrote Fahne geschrieben hat. Also jetzt natürlich nicht für den Kfz-Mechaniker, die Erzieherin oder den Streifenpolizisten. Heißt ja auch office und nicht werkstatt oder Kindergarten.

Allerdings scheinen die Sozen in etwa so konkrete Vorstellungen vom Heim-Arbeitsplatz zu haben, wie ich von der aufreibenden Tätigkeit eines Arbeitsvorbereiters. Bebilderten sie doch ihr Anliegen  mit einer attraktiven jungen Dame, die barfüßig und bäuchlings auf dem Bett liegt und amüsiert auf den Bildschirm ihres Notebooks blickt. Eher so eine Katzenvideo-Miene als der konzentrierte Blick auf ein Arbeitsdokument. Abgesehen davon, dass die home-officerin in dieser Haltung wohl kaum auch nur einen Satz tippen könnte. Gut, woher sollten die Sozen auch wissen, wie es im Arbeitsalltag aussieht?

Vermutlich haben sie auch keine der vorhandenen Studien über den häuslichen Arbeitsplatz gelesen. Da ist nämlich die Rede von noch mehr Überstunden, Stress durch ständige Erreichbarkeit, die Schwierigkeit, sich zuhause die notwendige Ruhe zum Arbeiten zu verschaffen, nächtliches Nacharbeiten und häufiges Übergangenwerden beim  Beförderungskarussel.

Meine Nachbarin Barscheck verweist auch mit Nachdruck auf eine Studie, die feststellt, dass gerade Frauen dabei verstärkt in die alte Doppelbelastungsfalle tappen: Die heimarbeitende Mami kann doch schnell auch noch das Essen machen, die Wohnung saugen und für die Kleinen da sein. Männliche home-officer dagegen sind gegen solcherlei Versuchungen des Heim-Arbeitsplatzes wesentlich besser gewappnet und arbeiten eher mehr als im klassischen Büro für die Firma.

Wer erinnert sich noch an die große Kampagne der Gewerkschaften für die Fünf-Tage-Woche? "Der eine liebt das Federspiel. / Der andere bastelt gern und viel. / Ein dritter weiß, wie viel es nützt, / wenn er im Hörsaal manchmal sitzt... / Genau gesagt heißt das Panier: / Samstags gehört der Vati mir!"

Wir fügen aktuell an: "Heut bleibt das Schnitzel unpaniert, weil Papa auf den Bildschirm stiert". Genau: My home is my office.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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