Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"52 Zähne"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 24.05.2019 15:20 Uhr

Nr. 729

Nicht dass Sie denken, ich kennte Frau Verena Bahlsen persönlich. Ich, der ich meine seefahrerischen Sehnsüchte beim Binnensee-Tretbootfahren auslebe, bin doch auf deutlich anderen Gewässern unterwegs, als die Viertel-Kekserbin mit ihrer Segelyacht. Tretboot und Segelyacht gehören nun mal ebenso unterschiedlichen Welten an wie Bonanza-Rad und Harley-Davidson.

Zumal die junge Dame ja nicht etwa einen Viertel Keks geerbt hat, sondern ein Viertel der Bahlsen-Millionen. Meinetwegen. Verständlich auch, dass sich Frau Bahlsen darüber freut. Und dieser Freude öffentlich mit den Worten Ausdruck verlieh: "Ich bin Kapitalist. Mir gehört ein Viertel von Bahlsen, da freue ich mich drüber. Ich will Geld verdienen und mir Segelyachten kaufen und so". Okay.

Klare Ansage, auch wenn meine Nachbarin Barscheck natürlich sofort monierte, dass es doch zumindest "Kapitalistin" heißen müsste. Und mich das an die Segelyachten angehängte "und so" ein wenig ins Grübeln brachte. Helikopter, Lamborghini und Villen? Braucht man vielleicht, wenn man schon ein paar Yachten hat.

Zu wundern braucht man sich allerdings auch nicht, dass so eine frisch von der Kapitalistinnen-Leber gesprochene Aussage Unmut auslöst bei den Menschen, die auf der falschen Seite der großen Vermögenswippe hocken: Der Shitstorm tobt. Und schlug noch höhere Wellen, als Frau Bahlsen dann noch mehr als verharmlosend über die Zwangsarbeiter und -innen sprach, die während der Nazizeit mit am Keksimperium arbeiten durften.

Woher sollte es die grade mal 26-Jährige auch besser wissen? Na gut, aus der Schule vielleicht. Oder aus irgendwelchen Büchern, aber die gehören wahrscheinlich nicht zum "und so", für das sie ihre Millionen ausgibt. Sie hat sich dafür entschuldigt und immerhin verkündet, dass sie sich nunmehr doch ein wenig über die Geschichte informieren müsse. Prima.

Was aber hat die ehrwürdige Tante FAZ geritten, die Angelegenheit nun unter der Überschrift "Lasst Frau Bahlsen ihre Yacht!" ins Blatt zu bringen. Und dort zu erklären: "Deutschlands Problem ist, dass es zu wenige Reiche gibt." Das stimmt sogar, denn nur 45 Personen, die soviel besitzen wie die gesamte ärmere Hälfte der Bevölkerung, ist deutlich zu wenig. Aber so hat es der Zeilenproduzent der FAZ natürlich nicht gemeint. Er schreibt: "Wenn Reichtum nicht verpönt ist, kann auch die Aussicht auf Wohlstand Unternehmer zu Höchstleistungen anspornen. Das tut Deutschland gut. Solche Unternehmer dürfen gern von einer Yacht träumen, wenn sie wollen."

Solche Höchstleistungen hat die Firma Bahlsen durchaus vollbracht, die uns den 52-zähnigen Butterkeks gebacken hat, an dem wir schon gelutscht haben, als wir noch nicht mal einen Zahn im Mund hatten. Ohne den solche Köstlichkeiten aus Fett, Zucker und Kakao wie der "Kalte Hund" niemals auf die Kindergeburtstagstafel gekommen wären. Ganz zu schweigen von der bahnbrechenden Erfindung der "Erdnussflips", die am Gaumen ganzer Generationen pappten. Und das weltweit: "Was ißt die Menschheit unterwegs? Na selbstverständlich Leibniz Cakes!", reklamierte Bahlsen schon 1898. Am deutschen Keks soll die Welt genesen. Auch der deutsche Landser hatte später am Dauergebäck des "kriegswichtigen Betriebs" Bahlsen noch zu kauen.

Mit seinem Verteidigungsgeschreibsel hat der FAZ-Journalist jedenfalls unter Beweis gestellt, sagt Barscheck, dass er schwer unter "Morbus Bahlsen" leidet: Er hat einen an der Waffel. Oder einen weichen Keks.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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