Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Retro"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 03.05.2019 16:40 Uhr

Nr. 726

Nicht dass Sie denken, ich sei ein Freund irgendwelcher Retro-Moden. Auch und besonders, wenn uns die Bekleidungsfachkräfte alles mögliche Zeug unter dem "Retro"-Label andienen: Unterhosen für Männer und Frauen, Latzhosen, Schlaghosen, Hippie-Shirts und Blümchen-Kleider. Im unwahrscheinlichen Bedarfsfalle könnte ich da auch immer noch auf Originale aus vorhandenen Beständen zurückgreifen. Ohne Zwang schmeiße ich nichts weg.

Wir wissen natürlich nicht, welche Unterhosen beispielsweise Andreas Scheuer trägt und, wie meine Nachbarin Barscheck vehement versichert, wir wollen es auch nicht wissen. Es werden aber wohl eher zeitgeistige Stücke sein, wie etwa das "addicted"-Modell im "low-cut-style" mit Digitaldruck-Message "Love me hard" auf der Rückseite. Obwohl das Höschen ausdrücklich mit "Scheuer-Schutz" angeboten wird. "Retro" jedenfalls geht für den smarten Andi offenbar gar nicht.

So erlitt der brave CSU-Recke angesichts der kürzlichen Sozialismus-Bekenntnisse von Juso-Chef Kühnert einen akuten Anfall von sprachlichem Overkill und verkündete, das Interview zeige „das rückwärtsgewandte und verschrobene Retro-Weltbild eines verirrten Fantasten“. Eine Fundgrube für Germanisten auf der Suche nach Stilverirrungen. Wie anders als rückwartsgewandt sollte ein Retro-Weltbild denn sein? Und könnte denn ein "verirrter Fantast" nicht verschroben sein? Egal – wenn auch nur das Wort "Sozialismus" fällt, quillt es halt ungefiltert aus Andis geölter Birne. Auch wenn man natürlich sagen könnte, dass er als überzeugter Katholik und Hüter „christlich abendländischer Werte“ ja nun selbst einem Weltbild anhängt, dass locker seine 2000 Jahre auf dem Buckel hat. Ganz schön Retro.

Natürlich ist der Scheuer nicht der einzige, den die Ideen des linken Kevin auf die neoliberale Palme treiben. FDP-Generalsekretärin Linda Teuteberg empfahl "Herrn Kühnert" öffentlich, er möge doch  "das Godesberger Programm statt Karl Marx lesen". Was die Frage aufwirft, wann die empörte Liberale selbst dort das letzte Mal einen Blick hineingeworfen hat. "Die Hoffnung der Welt", steht da nämlich, sei "der demokratische Sozialismus", der "eine menschenwürdige Gesellschaft" anstrebe. Und gar, dass, wenn eine "gesunde Ordnung der wirtschaftlichen Machtverhältnisse" nicht gewährleistet werden könne, "Gemeineigentum Berechtigung" habe. Das wird der Frau Teuteberg wahrscheinlich doch nicht ganz recht sein.

Der vermaledeite "Demokratische Sozialismus" steht übrigens immer noch im derzeit gültigen Grundsatzprogramm der SPD. Sogar als Vision, "deren Verwirklichung für uns eine dauernde Aufgabe ist." Da ist es doch nicht soo verkehrt, wenn sich jemand aus den eigenen Reihen Gedanken darüber macht, wie denn so eine Gesellschaftsform aussehen könnte, die er laut Parteiprogramm ja mit aufbauen sollte.

Aber doch nicht gleich öffentlich und mit Vorstellungen wie der Vergesellschaftung der Bayrischen Motorenwerke! Da blubbert es sogar aus seinem Parteikollegen Johannes Kahrs: "Was für ein grober Unfug. Was hat der geraucht?" Offenbar ist ein Nachdenken über das eigene Programm bei den Sozen nur noch im Drogenrausch denkbar.

Andere SPD-Kommentatoren trösten sich mit dem Hinweis, das auch ein Gerhard Schröder sich einst als Juso zum Marxismus bekannt habe. Und was sei dann aus dem geworden. Junger Wein gärt halt immer noch ein bissel. Eigentlich auch ganz schön retro, diese altväterliche Weltsicht, meint meine Nachbarin.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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