Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Rächtschraipunk"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Samstag 26.04.2019 16:40 Uhr

Nr. 725

Nicht dass Sie denken, ich machte mir nichts aus korrekter Rechtschreibung. Die gehört für mich zu den allgemeinen Umgangsformen - wie "Bitte" und "Danke" sagen, sich die Zähne putzen und alten Mütterchen über die Straße helfen. Ist alles manchmal lästig, aber man tut's halt.

Nun muss ich dieser Tage lesen, dass es in unserem Lande einen "Rechtschreibnotstand" gebe. Mehr als 20 Prozent der Viertklässler an unseren Schulen könnten nicht richtig schreiben. Und schuld daran, so steht da, sind die Handys und die sozialen Medien. Weil da, sagt der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, "Rechtschreibung keine Rolle" spiele. Da würde sogar eher schief angesehen, wer "sich die Mühe macht, Großbuchstaben zu schreiben".

Schlechtes Beispiel, die Groß- und Kleinschreibung wird immer wieder mal heiß diskutiert. "Den gleichverwerflichen misbrauch groszer buchstaben für das substantivum, der unserer pedantischen unart gipfel heiszen kann, habe ich […] abgeschüttelt." Schrieb vor über 200 Jahren Jacob Grimm, dessen Verdienste um die deutsche Sprache auch der Lehrerverband ansonsten mit Sicherheit anerkennt. Und Jacob Grimm besaß, soweit wir wissen, kein Smartphone. Aber offensichtlich regt außer Tempolimits und dem Bierpreis kaum etwas die Menschen so auf, wie die Frage, ob man nun "Lehrerverband" künftig klein schreiben dürfe.

In den Siebziger Jahren, in denen die Kleinschreibungsdebatte auch schon mal besonders heftig tobte, hielt man die Befürworter der kleinen Buchstaben gar für gleichmacherische Linke, denen die "Welt" damals unterstellte, es ginge ihnen um die "Anpassung der Klugen und Fleißigen an die Faulen und Blöden". Ein Satz von geradezu lutherischer Deutlichkeit – würde man wohl heutzutage auch nicht mehr so schreiben, von wegen PC und so. Aber denken tut der Lehrerverband schon immer noch ein bisschen so: Da ist die Rede von ebenso unberechtigt wie verschwenderisch verteilten guten Noten, zu vielen Abiturienten und zu geringen Anforderungen. Und gelesen wird auch nicht mehr zusammenhängend! "Keine Bücher, dafür täglich Hunderte von Kurznachrichten". Und bei denen ist ja die Rechtschreibung, siehe oben, von untergeordneter Bedeutung. Also wieder mal der Untergang des lesenden Abendlandes, wie schon bei Aufkommen des Kinos, des Radios, des Fernsehens und der Comics.

Bei einer Umfrage im Jahre 2016 erklärten immerhin 52 Prozent der befragten Grundschüler, sehr gerne oder gerne zu lesen und 16 Prozent gaben an, "nie" zu lesen. Klar, solchen Umfragen muss man mit Vorsicht begegnen. Die Schüler wissen vielleicht nicht, ob man nun "blöd" mit oder ohne "h" schreibt, aber sie sind's nicht. Wissen also sehr gut, welche Antwort gut ankommt, und welche unmutiges Stirnrunzeln bei der Lehrkraft auslöst. Aber trotzdem, in dieser Verteilung finde ich meine Volksschulklasse ganz gut wieder. Und das ist nun doch ein paar Jahrzehnte her und wir telefonierten noch mit fest verkabelten Telefonen - wenn überhaupt - und unsere Kurznachrichten waren auf Zettelchen gekritzelt.

Vielleicht hat also der beklagte "Rechtschreibnotstand" mehr mit dem allgemeinen Notstand unserer Schulen wie Lehrermangel und -überforderung, verrottenden Gebäuden und veralteter Ausstattung zu tun, als mit Smartphones und Tablets? Und damit, dass wir lieber Geld in Bewaffnung, Bankenrettung und Berater investieren als in vernünftige und zeitgemäße Bildung unserer Kinder? Einen Aufruf, das zu ändern, sagt meine Nachbarin Barscheck, würde sie jederzeit unterschreiben, selbst wenn der von Rechtschreibfehlern wimmelte. Dafür gäbe es ja dann immer noch die Rechtschreibkorrektur auf dem Smartphone.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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