Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Ökodiktatur"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 12.04.2019 15:40 Uhr

Nr. 723

Nicht dass Sie denken, ich sei mal wieder besonders begriffsstutzig. Also irgendwie schon, jedenfalls machen manche Begriffe mich halt stutzig. "Ökodiktatur“ zum Beispiel. Was ist das? Nix Gutes, soviel ist klar, weil ja eine Diktatur schon mal von Haus aus nicht schön ist. Da sagt ja ein Diktator oder meinetwegen eine Diktatorin – obwohl mir da nun gerade keine einfällt – allen anderen ultimativ, was sie zu tun oder zu lassen haben.

Ein Ökodiktator also – ich bleibe mal bei der männlichen Form - säße auf seinem selbstverständlich aus ökologisch zertifizierten, tierproduktefreien Materialien gefertigten Diktator-Chefsessel und verhängte ökologisch einwandfreie Verbote über das Land: keine Verbrennungsmotoren mehr, keine Kohlekraftwerke, keine Massentierhaltung, keine Inlandsflüge, keine konventionelle Landwirtschaft, keine Glühbirnen... Quatsch. Die sind ja schon ganz demokratisch abgeschafft worden, seit 2009.

Und das hat die Republik schon an den Rand eines Volksaufstandes geführt. Millionen von Glühbirnen wurden damals gehortet, erboste Glühfaden-Junkies beklagten lautstark den Eingriff in ihre verfassungsmäßig garantierten Rechte auf Erleuchtung ihrer Wahl und sagten grimmig den Untergang des Abendlandes voraus: Krankheiten aller Art würden vom neuen Licht verursacht. Heute, zehn Jahre später, hacken nur noch vereinzelte verwirrte Birnen beim widernatürlichen Schein einer LED-Lampe ihren Wunsch nach der guten alten Glüh-Beleuchtung in die Computertasten.

Jahre zuvor war schon das FCKW – liebgewonnenes Kühlmittel im heimischen Eisschrank – verboten worden. Panischer Aufschrei im Volke. Apokalyptische Visionen inklusive. Ein Experte der Firma AEG verkündete zum ersten FCKW-freien Kühlschrank: "Wir haben Zündversuche gemacht. Und haben festgestellt: Wenn es dort zu einem Leck kommt, dass der Kunde beim Öffnen des Schrankes – ich sag das mal etwas drastisch – in einer Flammenwand stehen kann." Die Verluste durch derlei Höllenschränke hielten sich aber in sehr überschaubaren Grenzen und die ozonfreundliche Kühleinheit der Energieeffizienzklasse A+++ schnurrt mittlerweile allüberall heimelig vor sich hin.

Auch über den Verlust der Freiheit, sich per Flug durch die Windschutzscheibe zu Tode zu bringen, ist das Volk inzwischen unbeschadet hinweggekommen.  Seit 1976 gilt die Anschnallpflicht. Und auch von den ursprünglich prognostizierten Deformationen der weiblichen Brust durch den Gurt ist nichts zu erkennen.

Soweit so gut, aber irgendwann muss ja mal Schluss sein mit den Verboten. Wer also heute Tempolimits, autofreie Innenstädte oder die Verteuerung von Flugreisen und Lebensmitteln per CO2-Steuer fordert, will die Ökodiktatur. Und egal, ob der Diktator dann so Pippi-Langstrumpf-mäßig aussieht wie Greta Thunberg oder so zeitgeistig-smart wie Robert Habeck – wehret den Anfängen! "Das Prinzip der Freiheit hat sich bewährt. Wer 120 fahren will, kann 120 fahren. Wer schneller fahren möchte, darf das auch. Was soll der Ansatz der ständigen Gängelung?", schäumt Autominister Scheuer. Ist ja gut, Andi.

Bleibt nur festzuhalten: Der Staat schränkt beständig Freiheitsrechte ein, ganz legal und demokratisch. Immer dann nämlich, wenn die Ausübung einer Freiheit mit großer Wahrscheinlichkeit mit zu hohen Risiken behaftet wäre. Und die eigentliche Diktatorin, sagt meine Nachbarin Barscheck, ist nun mal die sogenannte Umwelt. Die ist bereit, uns alle ohne Ansehen der Person zu eliminieren, wenn wir uns nicht an ihre Regeln halten. Das wäre doch, meint sie, wenigstens den Versuch einer Öko-Demokratie wert.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.