Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"hello darkness"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 29.03.2019 15:40 Uhr

Nr. 721

Nicht dass Sie denken, ich sei leicht in Panik zu versetzen. Aber wenn man plötzlich und unvermutet einen Blick in die Schwärze des Nichts tut und das, wo man doch gerade den Weg zu erhellender Erkenntnis beschreiten wollte – das erschüttert einen schon in den Tiefen des neuronalen Netzwerks.

Die deutsche Wikipedia, unser aller ständige Wissensbegleiterin auf den verschlungenen Wegen des Faktenuniversums, zeigte für volle 24 Stunden – nichts. Beziehungsweise eine schwarze Seite. Mit nur einem einzigen Text darauf, nämlich der Begründung für diesen Zustand: Protest gegen die geplante EU-Urheberrechtsreform.

Wie alt wurde eigentlich Marlene Dietrich? Wer waren die Absteiger in der Bundesligasaison 1966/67? Und hat Atze Schröder tatsächlich mal als Kunstturner angefangen? Alleingelassen mit unseren brennenden Fragen saßen wir vor unseren Rechnern, Tablets und smartphones. Und konnten uns nicht einmal mit einschlägigen Informationen zur Meinungsbildung über die Urheberrechtsreform versorgen. Gar nicht zu reden von all den verzweifelten Schülern, die Referate halten oder Jungpolitikern, die noch schnell die karrierefördernde Doktorarbeit abliefern mussten.

Oder eben Menschen wie Axel Voss, CDU, und zuständig für den Gesetzesentwurf im EU-Parlament, der nochmal schnell hätte gucken wollen, wie das denn nun so ist mit upload-Filtern und warum Wikipedia sich davon bedroht fühlt. War aber nix – weswegen er sich dann im Interview mit Sätzen wie "Ich weiß das nicht mehr so im Detail, das ist alles so rasant und schnelllebig" blamieren musste.

Aber dass das alles gar nicht so schlimm sei, wie die Gegner des umstrittenen Artikels 13 nun immer täten, und dass man ja schließlich alles nur für die Urheber mache, und überhaupt seien die Proteste ohnehin von google, Facebook und youtube gesteuert und bezahlt, wenn das nicht ohnehin alles bots wären. Da wird er wohl zusammen mit seinen Kollegen so recht gestaunt haben, wie lebensecht die Roboterindustrie schon Demonstranten hinkriegt, und das gleich tausendfach auf den Straßen Europas. Ist aber auch egal, weil sich das EU-Parlament weder von den Demonstranten noch von den knapp fünf Millionen Protestunterschriften hat beeindrucken lassen und das Gesetz verabschiedet hat.

Dummerweise steht  aber im Koalitionsvertrag der GroKo, dass upload-Filter abgelehnt werden. Was die Verantwortlichen nunmehr in den eingesprungenen Spagat mit doppelter Schraube seitwärts getrieben hat: Sie haben zwar in der EU für das Gesetz gestimmt, was solche Filter nahezu unumgänglich macht, werden aber in Deutschland nach anderen Lösungen suchen. Was bei der versammelten Kompetenz in der Regierungsmannschaft in den zur Verfügung stehenden zwei Jahren sicher mühelos gelingen wird. Und wenn Herr Voss höchstpersönlich jedes hochgeladene Filmchen, Bildchen oder Textchen auf sein copyright überprüft! Was zumindest den Vorteil hätte, dass der Mann von der Straße wäre.

Wir richten uns jedenfalls schon einmal auf viele weitere schwarze Fenster auf unseren Bildschirmen ein. Meine Nachbarin Barscheck überlegt bereits, ob man nicht Wikipedia für die nächste Krise einfach mal ausdrucken könnte. Für den offline-Gebrauch. Dauert auch nicht länger als die manuelle Suche nach copyrights, braucht allerdings etwa 300 Kubikmeter Papier. Und das jeden Monat, wenn man die Aktualisierungen auch noch immer mitnehmen will. Weiß ich übrigens nicht aus Wikipedia. Stand ganz analog und oldschool in einem Buch. Mit copyright im Impressum. Erhellend.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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