Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Tierwohl"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 22.03.2019 16:20 Uhr

Nr. 720

Nicht dass Sie denken, ich wollte Ihnen den Appetit verderben. Aber nachdem nun auch die Astronomen pünktlich am 20. März um 22.58 den Frühlingsbeginn ordnungsgemäß festgestellt haben, werden vielerorts spätetstens jetzt die Schwenker aus dem Winterschlaf geweckt. Zeit also, sich Gedanken zu machen über die Grillauflage.

Sehen wir der unschönen Wahrheit ins Fettauge: Was da auf unseren Grillrosten brutzelt, schmurgelt und qualmt, ist zum allergrößten Teil Fleisch. Schweinefleisch, um genau zu sein. Und davon stammen mindestens 90 Prozent von armen Schweinen, die maximal einen Quadratmeter Stallfläche zur Verfügung hatten, über Spaltenböden gehumpelt sind, denen man die Schwänze wenige Tage nach der Geburt abgeschnitten hat – ohne Betäubung -, die in sechs bis sieben Monaten zur Schlachtreife gemästet und, sofern es sich um männliche Tiere handelt, ebenfalls betäubungslos kastriert worden sind. Mahlzeit. Und das ist nicht etwa einzelnen, sadistischen Tierquälern anzulasten, das sind die gesetzlichen Standards in unserem Land.

Doch Rettung naht: Unsere Ministerin für Ernährung und Landwirtschaft, Julia Klöckner, hat sich den Tierschutz auf die Fahnen geschrieben. Da steht er gut. Und sie tut auch was: Gleich nach der Verlängerung der Frist für die Abschaffung der unbetäubten Kastration um weitere zwei Jahre hat sie nun ein "Tierwohl"-Siegel in der Mache. Damit wir Schwenker und Grillmeister gleich sehen können, wie es dem Borstenvieh ergangen ist, bevor es in der Discounter-Kühltheke gelandet ist.

Drei Stufen sind geplant, bereits in der ersten gibt es eine satte Platzvergrößerung um 20 Prozent. Also auf 1,2 Quadratmeter. Da kann sich die Sau so richtig austoben. Es sei denn, es handelt sich um eine Zuchtsau, die sind ohnehin große Teile ihres Daseins in sogenannten Kastenständen fixiert, in denen sie sich weder umdrehen noch ausstrecken können.

Was das Abschneiden der Schwänze angeht: Da spendiert Frau Klöckner in der ersten Stufe des "Tierwohls" die "Beschleunigung des Einstiegs in den Ausstieg". Klingt, als könnte es noch dauern, bis die lustigen Ringelschwänzchen dranbleiben dürfen. Immerhin, falls der Ministerin nicht noch eine Fristverlängerung in den Sinn kommt, darf ab 2021 nicht mehr ohne Betäubung kastriert werden.

Über die gesetzlichen Vorgaben zur Schlachtung soll hier gar nicht erst gesprochen werden, ich wollte Ihnen ja den Appetit nicht verderben. Nur soviel: Die "Tierwohl"-Verbesserung des Ministeriums sieht "die einzeltierbezogene Sicherstellung des Todes durch anerkannte Verfahren" vor. Ja - wär schon gut, wenn das Schwein auch wirklich tot ist, bevor es in die Brühanlage kommt. Und nicht dass Sie denken, es handele sich bei der "Tierwohl"-Aktion um gesetzliche Änderungen. Nein, das alles ist selbstverständlich freiwillig für die Fleischindustrie. Wir leben hier ja nicht in irgendeiner Öko-Diktatur.

Meine Nachbarin Barscheck hält dieses ganze Siegel-Brimborium für betäubungslose Augenwischerei und packt weiterhin leckeren Schafskäse und Gemüse auf den Grill. Und wenn Fleisch, dann vom Hof ihres Vertrauens. Kostet halt ein bisschen mehr als das Kilo Discounterschwenker für 3,99 Euro. Aber auch die Stufe-eins-gesiegelte Mogelpackung der Ministerin soll ja schon bis zu 20 Prozent teurer sein.

Der Berliner Senat hat übrigens gerade eine Normenkontrollklage beim Verfassungsgericht eingereicht, um festzustellen, ob die deutsche Nutztierverordnung überhaupt dem im Grundgesetz verankerten Tierschutz entspricht. In frühestens zwei Jahren wird mit einer Entscheidung gerechnet. Bis dahin werden noch viele Tonnen Qualfleisch über die Grillroste wandern. Guten Appetit.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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