Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Profis"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 15.03.2019 15:20 Uhr

Nr. 719

Nicht dass Sie denken, ich wüsste Professionalität nicht zu schätzen. Keine Frage, man braucht sie hin und wieder, die Profis. Also die Leute, die ihre jeweilige Tätigkeit beruflich ausüben. Im Regelfall also auch davon Ahnung haben. Man kann halt nicht alles selbst machen.

Meine Nachbarin Barscheck verweist an dieser Stelle immer gern auf ihren von mir eigenhändig reparierten Staubsauger, der danach stets zuverlässig die Hauptsicherung fliegen ließ. Der daraufhin gerufene Profi stellte nach einem angewiderten Blick ins Innere des Gerätes lakonisch fest: „Kaputt“ und empfahl die Anschaffung eines Neu-Saugers. Immer gut, so etwas aus berufenem Munde zu hören.

Völlig in Ordnung also, dass Christian Lindner, selbst Profi, denn er verdient schon lange seinen Lebensunterhalt mit FDP-Politik, nach dem Einsatz von Fachleuten zur Erreichung der Klimaziele ruft. „Ingenieurinnen, Techniker und Ökonomen“ müssen da ran. Richtig. Nur warum er das als Argument gegen die Freitags-Schülerdemos benutzt, bleibt unklar. „Von Kindern und Jugendlichen kann man aber nicht erwarten, dass sie bereits alle globalen Zusammenhänge, das technisch Sinnvolle und das ökonomisch Machbare, sehen“, sagt Lindner. Das stimmt wohl. Ebensowenig, wie man das von Politikern verlangen kann, die meist auch keine der genannten Qualifikationen besitzen.

Meines Wissens demonstrieren die Schüler auch nicht für bestimmte technische Verfahren oder wirtschaftliche Maßnahmen zur Abfederung von Umstellungsproblemen beim Kohleausstieg. Abgesehen davon, dass die Forderung, nurmehr Profis dürften sich demonstrierend auf die Straße begeben, so wohl nicht im Grundgesetz gemeint war.

Ist ja auch nicht so, als ob die Bundesregierung sich in Fragen Klimaschutz keine Profis ins Haus geholt hätte: Da gibt es den WBGU, den „Wissenschaftlichen Beirat Globale Umweltveränderungen“, durchwegs mit Fachfrauen und -Männern besetzt. Und dieser WBGU hat schon 2007 in seinem Hauptgutachten recht klar formuliert, was denn nun in Sachen Klimaschutz dringend zu tun, und womit zu rechnen sei, wenn man das eben nicht tut.

Profis nützen halt nur was, wenn man ihrem Rat auch folgt. Hätte Barscheck sich keinen neuen Staubsauger gekauft, wäre  sie halt langsam eingestaubt oder die Bude wäre beim siebten Kurzschluss schließlich abgefackelt. Die Schülerinnen und Schüler demonstrieren ja genau dafür, dass der Erkenntnis der Faktenlage nun auch endlich die entsprechenden Taten folgen sollten. Und dafür muss man kein Profi für irgendwas sein – dafür reicht normales staatsbürgerliches Interesse und Engagement. Was in unserem Land glücklicherweise Recht und Pflicht jedes Bürgers und jeder Bürgerin ist. Zum Wählen oder zum Eintritt in eine Partei braucht es ja auch keinerlei berufliche Qualifikation. Nicht einmal unbedingt zur Ausübung eines Ministeramtes, wie uns beispielsweise Forschungsministerin Karliczek gerade deutlich vor Augen führt.

Christian Lindner aber meint, die Schüler sollten statt zu demonstrieren,  lieber in die Schule gehen und sich "über physikalische und naturwissenschaftliche sowie technische und wirtschaftliche Zusammenhänge informieren". Um dann zu eben den Profis zu werden, auf die keiner hört. Profi-Klimaforscher Stefan Rahmstorf übrigens schrieb: "Die Klima-Profis sind klar auf Seiten der Schüler!" Jetzt muss man sie nur noch ernstnehmen und die „Ingenieurinnen, Techniker und Ökonomen“ ran lassen, meint meine Nachbarin. Und geht mit ihrer Nichte auf die Demo. Ganz unprofessionell.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

Artikel mit anderen teilen