Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Frauentag"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 08.03.2019 16:40 Uhr

Nr. 718

Nicht dass Sie denken, ich machte es mir einfach. Selbst als professioneller Fettnäpfchen-Hüpfer macht man sich doch so seine Gedanken, welches der zahllos herumstehenden Behältnisse man vielleicht besser auslässt. Ist schon klar, geht auf jeden Fall schief. Zumal wenn, wie in diesem Jahr kalendarisch festgelegt, ausgerechnet der Aschermittwoch und der Internationale Frauentag in unmittelbarer zeitlicher Nähe sind. Womit befasst sich der satirische Welt-Betrachter nun?

Mir persönlich ist da die frauenbewegte Nachbarin doch näher als die stammtischlernde Politprominenz und ihr nach-karnevalistischer Bierzelt-Auswurf. Schon allein vom persönlichen Bedrohungspotenzial her. Also: Sprechen wir über den Frauentag. Da gibt’s ja immerhin das Novum, dass der 8.März diesmal zumindest in Berlin zum gesetzlichen Feiertag geworden ist. Und sich die Bundeshauptstadt damit in die illustre Liste von Ländern wie Angola, Armenien, Burkina Faso, Laos, Tadschikistan, oder Nordkorea einreiht. Ein dreifach donnerndes Hurra also für diesen Schritt in die feministische Zukunft.

Wenn auch die Debatte darüber eher wegen der beklagenswert niedrigen Zahl von Feiertagen in Berlin angestoßen wurde. Und diverse Verbände lieber etwas anderes gesetzlich feiern wollten, so die "Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz“ die Reformation, die doch "unser Land so weitreichend verändert hat wie kaum ein anderes Ereignis". Sagt immerhin eine Frau, nämlich deren Sprecherin. Oder die jüdische Gemeinschaft in der Hauptstadt, die einen Feiertag "mit Bezug zum Zweiten Weltkrieg" anmahnt, beispielsweise den 8. Mai. Meine Nachbarin Barscheck ist zumindest froh, dass es der ausgewiesene Frauenverächter Luther nicht zu Feiertagswürden geschafft hat.

Vielleicht ist es aber auch doof, den Frauen nun ihren Kampftag zum Feiertag zu erklären. Und man sollte den 8. März überhaupt abschaffen. Würde ich, der ich ja nun als Mann in dieses komplizierte Leben geworfen wurde, natürlich niemals zu fordern wagen. Brauche ich auch nicht, das hat schon Alice Schwarzer getan, mit dem Zusatz, dieser Tag sei "gönnerhaft" und man solle doch "aus dem einen Frauentag im Jahr 365 Tage für Menschen, Frauen wie Männer" machen. Wären wir ja alle dabei – aber so lange arbeitsfrei? Geht ja irgendwie auch nicht.

Es gibt aber auch andere weibliche Stimmen, die den neuen Feiertag als "sozialistischen Muttertag" beschimpfen und auf alte DDR-Bräuche verweisen, wo der Genosse Chef mit neckisch umgebundenem Schürzchen den Mitarbeiterinnen Kaffee, Kuchen und rote Nelken servierte. Mag zwar ein durchaus erheiternder Anblick gewesen sein, aber so will frau den Kampftag nun wirklich nicht begangen sehen, versichert die Nachbarin.

Ein bisschen Vereinnahmung steckt ja immer in solchen plötzlich legalisierten Gedenktagen. Selbst die Wirtschaft reagiert prompt mit einer Art Muttertagsreflex: Kürzlich flatterte mir die Werbung eines bekannten chinesischen Handyherstellers in den elektronischen Briefschlitz, der sein neuestes Mobiltelefon mit der Schlagzeile bewarb: "Das beste Geschenk zum Frauentag". Denen ist auch gar nix heilig.

Saarbrücken feiert dagegen gleich einen Frauen-Monat, mit Veranstaltungen vom politischen Frauenfrühstück bis zur Fußmassage oder Tiefenentspannung mit Hypnotherapie oder Klangschalen und afrikanischer Rassel. Das klingt doch gut. Barschecks derzeitiges Lieblingsvideo zum Thema dagegen zeigt, wie afghanische Frauen den 8. März mit öffentlichen Demonstrationen weiblicher Kampfkunst von Boxen bis Kung Fu begehen. Sag ich jetzt nix zu – leise klingt der Ruf des Fettnapfes.


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Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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