Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"De revolutionibus"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 01.03.2019 15:40 Uhr

Nr. 717

Nicht dass Sie denken, ich hätte etwas gegen Kopernikus und seine Lehren. Sie wissen schon: Dass sich die Erde um die Sonne dreht, und nicht umgekehrt. Das leugnet inzwischen nicht einmal mehr Donald Trump, auch wenn er vermutlich bedauert, dass nicht er im Mittelpunkt des Sonnensystems steht. Allenfalls gehen im Internet noch ein paar Versprengte der "Flat-Earth-Society" um, derjenigen Organisation also, die die Erde immer noch für eine Scheibe halten will. Selbst die katholische Kirche hat schon 1992, also kaum 350 Jahre nach dessen Tod, Herrn Galilei in dieser Sache vom Vorwurf des Ketzertums rehabilitiert. Wojtyla sei Dank. Alles gut also mit dem himmlischen Kreisen.

Jetzt aber reklamieren die Katholiken, so der australische Erzbischof Coleridge anlässlich der soeben zu Ende gegangenen "Missbrauchskonferenz" im Vatikan, von den Veranstaltern liebevoll "Kinderschutzkonferenz" genannt, etwas Gewaltiges: Den Beginn einer "kopernikanischen Revolution" nämlich. Was soll sich da nun künftig um was drehen? Sollen die Gedanken der geistlichen Verantwortlichen nicht mehr wie bisher um Verdrängen, Vertuschen und Vergessen kreisen, sondern um das Leid der Opfer? Die aber waren zum großen vatikanischen Powwow nicht eingeladen.

Die direkte Konfrontation mit dem verursachten Elend hätte wahrscheinlich zu sehr gestört bei der Aufarbeitung. Zu viel Druck beim Ringen um die "geistlichen Maßnahmen", die Papst Franziskus als "die einzige Weise, um den Geist des Bösen zu besiegen" sieht. "Druck von außen" nämlich dürfe nicht zu einem "Gerechtigkeitswahn“ führen – was das auch immer sein möge. Das Ansinnen der Betroffenen, dass überführte Missbraucher strikt ihr Amt aufgeben müssten, ist wahrscheinlich schon solchermaßen wahnhaft. Auch die könnten schließlich, wie der Bischof von Mumbai zu Protokoll gab, durchaus "gute Seelsorger" gewesen sein. Nur bei der Sorge um den Körper sind sie dann doch wohl etwas zu weit gegangen.

Kein Wunder bei solchen Einlassungen, dass die Opferverbände sauer und enttäuscht sind. Zumal sie sich von Franziskus unverhofft in eine ganz dunkle Ecke gedrängt sehen. Der sagte nämlich noch vor Beginn der Konferenz: "Man kann nicht leben, indem man die Kirche ständig anklagt. Wer ist der große Ankläger in der Bibel? Der Teufel. Und die, die ständig anklagen, sind, ich sage nicht Kinder, aber Verwandte, Freunde des Teufels." Und der, also der Teufel, ist ohnehin schuld an der ganzen Misere.

Denn letztlich bleibt dem Papst der Kindesmissbrauch in seiner Kirche unerklärbar. Es ist und bleibt eben das "Geheimnis des Bösen". Allenfalls vergleichbar mit "heidnischen Menschenopfern“.

Hintergrund
Reaktionen auf Missbrauchsgipfel
Vier Tage lang hatten im Vatikan die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen mit dem Papst über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche beraten. Die Erwartungen an diesen Missbrauchsgipfel waren vor allem bei Opferverbänden hoch. Heraus kam die Forderung nach einem Mentalitätswechsel.

Alles Quatsch, meint meine Nachbarin Barscheck. Wer so einen lustfeindlichen Männerbetrieb aufbaut und die Verantwortlichen mit quasi göttlicher Macht versieht, sagt sie, braucht sich nicht zu wundern, wenn sie diese dann missbrauchen. Erwiesenermaßen sind es ja nicht etwa überwiegend Pädaophile, die sich an Kindern vergehen, sondern beziehungsunfähige Menschen, die Kinder nur ersatzweise zum Objekt ihrer Begierde machen.

Die Opfer jedenfalls warten auf konkrete Taten. Die gibt’s auch. Künftig können Kleriker wegen Besitzes von Pornografie exkommuniziert werden, und zwar auch, wenn sie Minderjährige über 14 Jahre zeigt. Eine Altersgrenze, die 2010 noch Papst Benedikt festgelegt hatte. Was man so nebenbei alles erfährt... Kopernikus hilf, da dreht sich noch einiges falsch herum im Himmel und auf Erden.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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