Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Abdrücker"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 22.02.2019 16:20 Uhr

Nr. 716

Nicht dass Sie denken, ich hätte besonders viel zu verbergen. Also wahrscheinlich nicht mehr als Sie auch. Vielleicht mal den ein oder anderen Besuch im... nee, da nicht. Ich wollte es ja auch verbergen. Ich erwähne das Ganze auch nur, weil der dümmliche Satz "Wenn man nichts zu verbergen hat..." jeder kritischen Anmerkung zu neuen Sicherheitsfantasien der Staatsschützer so sicher folgt wie das Amen in der Kirche.

So auch jetzt wieder, da die EU nun beschlossen hat, dass künftig jeder Personalausweis den Fingerabdruck des EU-Bürgers oder der EU-Bürgerin zu tragen hat. Ja, das ist neu, auch wenn Ihnen das vielleicht gar nicht aufgefallen wäre. Zumindest dann nicht, wenn Sie zu den rund acht Millionen Deutschen gehören, die schon lange den neuen Personalausweis mit Ihrem Fingerpatscher spazieren tragen. Das war freiwillig! Ist ja auch praktisch, Sie können sich damit im Netz rascher identifizieren und vor allem: Sie können sich leichter über Ihren Punktestand in Flensburg informieren lassen und somit besser entscheiden, ob sie nochmal mit 60 an der Grundschule vorbeibrettern.

Jetzt aber ist Schluss mit freiwillig, in Zukunft muss jeder und jede den Abdruck seiner Pratzen auf das Lesegerät drücken, wenn er einen neuen Personalausweis benötigt. Was bislang nur Beteiligten oder zumindest Verdächtigten an einer Straftat zugemutet wurde – wir kennen die Szenen aus jedem Krimi - , gehört nun zur Alltagsroutine noch für den unbescholtensten aller Staatsangehörigen. Womit künftig auch der sorgenvolle Satz des TV-Kriminalisten "Den haben wir nicht in der Kartei" in künftigen Drehbüchern nicht mehr vorkommen dürfte. Wir haben ja alle drin. Haben wir natürlich nicht, sagen die Verantwortlichen. Das wird ja alles nicht gespeichert. Ist nur auf dem Ausweis drauf, damit der nicht fälschlich benutzt werden kann.

Selbst wenn wir das jetzt mal glauben wollen – wer weiß, ob das auch so bleibt? Was bleibt ist das unangenehme Gefühl, dass wir alle als potenzielle Straftäter gesehen werden. Stimmt ja auch in gewisser Weise  – woher sollten die bösen Buben und Mädchen denn kommen, wenn nicht aus dem Kreis der Staatsbürger? Mit diesem Argument könnte man allerdings auch die elektronische Fußfessel für alle oder das Implantieren von Identitätschips in jedes Neugeborene fordern. Ich meine – wenn man nichts zu verbergen hat...

Menschen eines gewissen Alters werden sich vielleicht noch daran erinnern, wie groß der Widerstand gegen die Volkszählung anno 1987 war. Geradezu niedlich aus heutiger Sicht, wo unsere Handys lückenlose Bewegungsprofile ermöglichen, Alexa und Echo jedes gesprochene Wort in unseren Wohnungen verfolgen und ein mittelmäßig begabter jugendlicher Hacker Informationen über Mitbürger ins Netz stellen kann, nach denen zu fragen der Volkszähler vor 30 Jahren niemals gewagt hätte.

All das aber geschieht immerhin freiwillig. Wir könnten die Dinger abschalten oder gar nicht erst anschaffen. Könnten – tun wir aber nicht, weil wir dafür ja so viele praktische Gimmicks angeboten bekommen. Ist ja viel einfacher zu sagen: "Alexa, weck mich morgen früh um sechs" als einen Wecker zu stellen.

Meine Nachbarin Barscheck hat zudem gerade gelesen, dass die Fingerabdrücke nicht mal so sicher sind, wie man uns allgemein glauben macht. Schon von einem Selfie, auf dem wir mit gespreizten Fingern das Victory-Zeichen in die Handykamera halten, kann man die Fingerabdrücke abnehmen und kopieren. Kann ja sein, aber: Wenn man doch nichts zu verbergen hat...


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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