Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Freie Bahn!"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 15.02.2019 16:40 Uhr

Nr. 715

Nicht dass Sie denken, mir fiele nichts mehr ein, als in das allgemein beliebte Bahnbashing mit einzustimmen. Hat ja auch keinen Sinn, Witze über die Deutsche Bahn zu machen, die kommen eh nicht an. Nein, so eben nicht. Man kann ja auch mal Positives verkünden. Zum Beispiel, dass die Bahn zukünftig 300 Waggons und Lokomotiven zusätzlich bereitstellen wird. Und das nicht etwa irgendwann oder bis 2035 und nur im Sommer bei Temperaturen unter 20 Grad bei Nordostwind. Nein, vertraglich geregelt, unterschrieben, mit Brief und Siegel.

Einen kleinen Wermutstropfen gibt’s natürlich schon: Diese Kapazitäten stehen nicht Ihnen zur Verfügung, es sei denn, Sie gehörten zu Uschis Bundeswehrtruppe. Weil die nämlich seit 1. Januar für zwölf Monate die Führung der NATO-"Speerspitze" im Baltikum innehat, wurde ein sogenannter "Rahmenfrachtvertrag" zwischen unseren Landesverteidigern und der Deutschen Bahn geschlossen, der unter anderem besagte Aufstockung der Schienenfahrzeuge vorsieht. Kostet auch kaum mehr als eine DB-Jahreskarte, nämlich rund 100 Millionen Euro.

Dafür sind Verspätungen und Warterei aber auch ausgeschlossen. Die Bundeswehrzüge, mit denen Soldaten, Panzer, Transportfahrzeuge und anderes ins Einsatzgebiet gebracht werden sollen, haben nämlich Vorfahrt. Und zwar – für Gütertransporte bislang ausgeschlossen – ausdrücklich auch vor Personenzügen. Was natürlich - rein theoretisch jedenfalls - wiederum weitere Verspätungen für eben diese zur Folge haben könnte.    

Abzuraten ist ausdrücklich von Versuchen, sich mit Kleidung aus dem nächstgelegenen Armyshop eine Beförderung im Truppen-Express zu erschleichen. Es sei denn, Sie wollten ohnehin ins Baltikum an die russische Grenze. Denn das ist das einzige Ziel, dass der flotte Güterzug anfährt – zunächst. Für den NATO-Aufmarsch im Baltikum ist Deutschland nämlich "Host Nation", also Gastgeber-Nation, und als solche "mögliche Basis für Operationen, rückwärtiges Einsatzgebiet und Drehscheibe der Unterstützung“ für die NATO. So steht's im Konzeptionspapier der Bundeswehr. Also bitte. Kein Gegrummel und Gemurre, wenn's demnächst für Sie wieder mal heißt: "Thank you für waiting for the Deutsche Bahn" - es ist im Interesse der Landesverteidigung.

Dafür wird auch der panzergeeignete Ausbau deutscher Autobahnen und Brücken beschleunigt aufgenommen, die EU hat 6,5 Milliarden Euro für "Military Mobility" in den Haushalt eingestellt, davon wird sicher ein gewichtiger Anteil nach Deutschland fließen. Deutsche Straßen haben‘s wahrhaftig nötig. Und solange die Panzer dort noch nicht rollen, hat ja auch der zivile deutsche Autofahrer was davon und kann seinen 150 Pferden unter der Haube ohne Angst vor Schlaglöchern oder Brückeneinstürzen unlimitiert die Sporen geben.

Hintergrund
"Die Lage ist schon sehr angespannt"
Der Abrüstungsexperte Dr. Oliver Meier hat im SR-Interview angesichts der augenblicklichen "Pattsituation" beim Misstrauen zwischen den USA und Russland die Rückkehr zur Diplomatie gefordert.

Meine Nachbarin Barscheck hofft allerdings auch darauf, dass Sie die womöglich vermehrt auftretenden Wartezeiten an den Gleisen dazu nutzen könnten, über den Sinn solcher Konfrontationsverstärkungen mit Russland nachzudenken. Gerade in Zeiten, in denen Rüstungskontrollverträge aufgekündigt werden und in USA ein cholerisches Rumpelstilzchen ohne nennenswerte Einsicht in außenpolitische Zusammenhänge über Krieg und Frieden gebietet.

Und was eine "besondere Rolle der Bundeswehr und Deutschlands für Militärtransporte von NATO und EU" im Falle eines Verteidigungsfalles für unsere Sicherheit bedeuten könnte, ist wohl auch ein paar Gedanken wert. Vorsicht an der Bahnsteigkante. Der nächste einfahrende Zug hält nicht bis zur russischen Grenze. Bitte nicht zusteigen.  

 

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