Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"R-E-S-P-E-C-T"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 08.02.2019 15:40 Uhr

Nr. 714

Nicht dass Sie denken, ich hielte mich für einen Rentenexperten. Oder sei auch nur in der Lage, das Zahlengewitter nach-, vor- oder umzurechnen, das seit dem Heil-Versprechen unseres Arbeitsministers über uns hereinbricht – schon gar nicht auf dem nächstgelegenen Bierdeckel. Wobei dahingestellt bleibt, ob all die das könnten, die gerade mit den Milliarden jonglieren, die die Grundrente angeblich kosten soll. Jonglage ist definitionsgemäß immer eine Luftnummer.

Leichter zu durchschauen ist allemal das, was die Damen und Herren in der Debatte zum Thema „Leistung“ oder „Respekt“ von sich geben. Das ist ja das von Heil aufgerufene Thema: „Respektrente“ nennt er seinen Vorschlag und meint damit den „Respekt vor der Lebensleistung“ von Menschen, die mindestens 35 Jahre gearbeitet haben, deren Lohn aber so mickrig war, dass die resultierende Rente entsprechend mickrig ausfällt. Kann man so sehen, sollte man vielleicht auch, denkt sich so mancher Friseur, Kellner, Supermarktkassierer oder Lagerarbeiter. Beziehungsweise und noch viel mehr die weibliche Entsprechung dieser Berufsgruppen, die ja traditionell immer noch etwas weniger verdient, als die männlichen Kollegen.

Aber schon treten Experten wie der Wirtschaftswissenschaftler und Glücksforscher von der „Inititaive neue soziale Marktwirtschaft“ Bernd Raffelhüschen auf den Plan und sagen: Nee, die haben eben nicht genug geleistet, sonst hätten sie ja mehr Kohle verdient und mehr eingezahlt. Heil verabschiede sich gerade davon, Rente nach Lebensleistung zu bezahlen. Weil die sich halt nach geleisteten Zahlungen bemisst.

Und FDP-Smartboy Lindner sorgt sich um die Gerechtigkeit – für die Besserverdienenden. Die sich laut Lindner dann empört fragen werden: „Wenn ich 35 Jahre eingezahlt habe und relativ mehr eingezahlt habe, wieso bekommt der andere einen Steuerzuschuss?“ Ja, weil er von seiner Rente nicht leben kann? Und von seinem Niedriglohn auch keine Ersparnisse bilden konnte? Private Rentenversicherungen abschließen? Aktien kaufen? Verblüffend, wie gerade die, die bei jeder Forderung, die Reichen höher zu besteuern, gleich empört "Neiddebatte" schreien, sie bedenkenlos selber lostreten, wenn's darum geht, dass die Einkommensschwachen etwas bekommen sollen.

Abgesehen davon: Auch jetzt schon bekommen Rentner in Armut auch Steuerzuschüsse. Nur eben erst nach dem Gang zum Sozialamt und nach der berühmten „Bedürftigkeitsprüfung“, die unter anderem ganz selbstverständlich das Einkommen etwaiger LebenspartnerSternchenInnen mit einrechnet. Wer sich liebt, soll sich gefälligst auch auf der Tasche liegen.

Ist ja auch nicht unbedingt die Schuld der Friseurinnen und anderer Niedriglohnempfangender, dass sie so mies bezahlt werden. Wir haben das Hurrah-Gebrüll von Herrn Schröder noch in den Ohren, der da jubilierte: „Wir haben einen der besten Niedriglohnsektoren aufgebaut, den es in Europa gibt." Und inzwischen auch den größten in Westeuropa. Und den heftet sich die Regierung auch Monat für Monat stolz an die Brust, wenn mal wieder die Arbeitslosenstatistik gefeiert wird. Denn da stecken die rund 20% prekär Arbeitenden selbstverständlich als sozialversicherungspflichtig Beschäftigte mit drin.

Meine Nachbarin Barscheck hofft, die entsprechenden Damen und Herren teilten ihren Friseurinnen oder Friseuren ihren fehlenden Respekt vor deren Lebensleistungen auch persönlich mit. Vor dem Haarschnitt. An ihren Frisuren sollt ihr die Experten erkennen...

 


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.