Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"The Wall"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 01.02.2019 16:20 Uhr

Nr. 713

Nicht dass Sie denken, ich sei ein Experte im Umgang mit Kindern. Allenfalls insoweit, als ich – wenn meine Erinnerung nicht trügt – auch einmal ein solches Wesen war. Aber das hilft natürlich nicht im Nahkampf. Staunend sehe ich, wie sich tränenüberströmte Kinder auf dem Boden vor der Supermarktkasse wälzen, um so den Kauf der quietschbunten Packung mit den Fruchtbonbons aus der Fernsehwerbung zu erzwingen.

Mit Bewunderung verfolge ich die Strategien geplagter Eltern, den ausgerasteten Terror-Zwerg wieder auf den Boden der realen Machtverhältnisse zurückzuholen. Klappt sogar manchmal. Da gelingt es der Mutter, dem Kind glaubhaft zu machen, dass ein aus den Tiefen der mütterlichen Handtasche zu Tage gefördertes zuckerfreies Bio-Leckerli nicht nur im weitesten Sinne auch ein "Bonbon", sondern in puncto Geschmack und Wert dem profanen Supermarkt-Lutschmittel bei weitem überlegen ist. Zumal es eigentlich nur für Erwachsene gedacht sei, worüber die beste Mutter von allen aber ausnahmsweise mal hinwegsehen werde. Und mit einem kollektiven erleicherteten Seufzen setzt sich die angestaute Kundenschlange langsam wieder in Bewegung.

Ein nachahmenswertes Beispiel, finde ich. Wir wissen ja nun, dass der derzeitige Präsident der Vereinigten Staaten ein gewisses Defizit im Prozess seines Erwachsenwerdens aufweist. Weswegen er unter anderem alle Vorhaltungen über den Unsinn einer 3000 Kilometer langen und neun Meter hohen Mauer zu Mexiko für 5,7 Mrd. Dollar mit einem quenegligen "Ich will aber!" vom Tisch wischt. Leider stehen dem präsidialen Trotzkopf bei weitem mehr Mittel zur Verfügung, als sich nur auf dem Boden zu wälzen: wochenlanger shutdown der Regierung, Ausrufung des nationalen Notstandes demnächst vielleicht, oder was ihm sonst noch so alles einfallen mag. Er will mit dem Kopf durch die Wand, die er erst noch bauen muss.

Da nützt es nichts, dem tobenden Donald mit Fakten zu kommen. Klar, von den gut 3000 km Grenze zu Mexiko verlaufen über 2000 mitten im Rio Grande. Der Rest ist schon längst befestigt oder besteht aus ohnehin eher unzugänglichen Wüsten, Gebirgen und Urwäldern. Die Zahl der illegalen Einwanderer ist zur Zeit auf einem historischen Tiefstand, Einwanderer begehen weniger Gewaltverbrechen als die weißen Ureinwohner Amerikas und sie zahlen auch weit mehr Steuern als sie staatliche Hilfsleistungen kassieren. Egal – Donald will seinen anti-immigrationistischen Schutzwall. Trotzphase halt. Muss er durch,  ist ein wichtiger Entwicklungsschritt, sind sich alle Pädagogen einig.

Da ist Geschick gefragt, nicht Sach-Argumente. Erstmal Fernhalten von seinen Kumpeln aus der Republikaner-Krabbelgruppe, die ihn nach seinem kürzlichen Einlenken gleich als "größtes Weichei" beschimpften oder ihm erzählen, die Ablehnung seiner Mauer sei "kontraintuitiv" - Andreas Scheuer würde sagen "gegen den gesunden Menschenverstand".

Also bitte: Gebt Klein-Donald irgendwas, was er irgendwie als "Mauer" bezeichnen kann. Lego oder Playmobil oder irgendwas anderes, was sich stapeln lässt, aber dann möglichst rasch und umweltverträglich wieder verrottet. Ein paar Millionen Burger-Brötchen, oder Knäckebrot oder was weiß ich. Ihr müsst es ihm nur richtig verkaufen – bevor die Notstandsverordnung endgültig über die Staaten hereinbricht. Sind noch knapp vierzehn Tage.

Und, merkt meine Nachbarin Barscheck an, verratet ihm bloß nicht, dass es längst so eine unnütze Mauer gibt! Stolze 21.196,18 km lang. In China. Ausgerechnet!


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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