Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

„Brumm-brumm"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 25.01.2019 15:15 Uhr

Nr. 712

Nicht dass Sie denken, ich hätte etwas gegen Experten. Was täten wir ohne jene Fachkundigen, die uns beim Totalausfall des elektronischen Rechenknechtes, des Kaffevollautomaten oder der Heizungsanlage mit Rat und Tat zur Seite stehen. Auch wenn oftmals der Rat in dem Vorschlag besteht, sich ein neues Gerät zu kaufen, und die Tat darin, eine Rechnung für eben diesen Rat auszustellen.

Auch zur Aufklärung des staunenden Bürgers angesichts der komplizierten Sachverhalte unseres modernen Weltgefüges ist der Experte oder die Expertin unverzichtbarer Bestandteil jeder Nachrichten- oder Talksendung. Egal, ob es nun um Schadstoffe in der Briefmarkengummierung, das Aussterben der Tanzfliege oder um das Für und Wider des Videobeweises beim Fußball geht – Experte steht bereit.

Wie die maßgeschneiderte Werbebotschaft am PC-Bildschirmrand taucht nun auch auf unseren Fernsehschirmen und in den Radiogeräten ein  solcher Kundiger auf, der uns erklärt, die ganze Sache mit den Grenzwerten für das Stickstoffdioxid in den Dieselabgasen sei nichts als angstmacherischer Blödsinn, das Zeug mache keineswegs krank und tot schon mal gleich gar nicht. Die EU-Verordnung mit den 40 Mikrogramm je Kubikmeter Luft beruhe auf unseriösen oder jedenfalls uralten Studien und sei somit dummes Zeug.

Professor Köhler verweist darauf, dass Raucher, die ja eine ungleich höhere Konzentration des bösen Gases in ihre Lungen pumpten, sonst schon nach Wochen tot umfallen müssten. Was sie bekanntlich erst viel später tun. Die Freude über diese Ausführungen ist groß bei Automobilindustrie und Politik – denn Fahrverbote und teure Hardwarenachrüstung müssen ja unbedingt vermieden werden – und bei den Veranstaltern einschlägiger Diskussionsveranstaltungen – skandalträchtige Minderheitenmeinungen sorgen für Aufmerksamkeit bei Zuschauerin und Hörer.

Nun hat leider auch der neue Star am Expertenhimmel keine verlässlichere Studie zum Thema parat – und eine solche, so erklärt er, koste erstens viele Millionen Euro und müsse zweitens eine lange Zeit laufen. Was also tun? Weiterfahren wie bisher? Den Empfehlungen des Kraftfahrbundesamtes zur „Flottenerneuerung“ folgen, sprich: Sich ein neues Auto kaufen? Ein Vorgang, der im von der Politik fraglos übernommenen Neusprech „Umtausch“ heißt. Denn Sie tauschen ja dann ihren alten Stinkediesel gegen einen sauberen Neuwagen ein – wenn Sie zusätzlich noch etwa 15.000 € Tauschgebühr drauflegen.

Dummerweise gilt ja auch trotz der Erkenntnisse des Professors die EU-Verordnung mit den vierzig Mikrogramm weiter. Das ist Gesetz. Aber da kommt ja nun die Verhältnismäßigkeitsanpassung unserer Kanzlerin ins Spiel. Fahrverbote bei einer Belastung von bis zu 25% mehr sind künftig unverhältnismäßig. Ist ja nur verhältnismäßig wenig mehr. Messer zum Beispiel mit mehr als 12 cm Klingenlänge gelten bei uns als Waffen. Nach der Kanzlerinnenlogik wären also künftig auch 15-cm-Dolche verhältnismäßig okay.

Ist halt so, wie der Staatssekretär des Wirtschaftsministers sagt: „Wir sind und bleiben ein Automobilland“. Und das, sagt meine Nachbarin Barscheck, ist genau das Problem. Weil, egal ob der Experte nun ganz, ein bisschen oder gar nicht recht hat, der Feinstaub und das CO2 in der Luft bleiben, die verstopften Innenstädte und die versiegelten Straßen- und Parkflächen ebenso, und der Nahverkehr bleibt nach wie vor das Stiefkind der Politik. Und vernünftige Verkehrskonzepte auch. Dabei gibt’s dafür auch Experten. Und Expertinnen.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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