Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Widersprüche"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 14.12.2018 16:40 Uhr

Nr. 706

Nicht dass Sie denken, ich könnte nicht mit Widersprüchenumgehen. Wobei ich hier nicht die unerfreuliche Tatsache meine, dass hin und wieder jemand mir widerspricht. Diesbezüglich ist mein langes nachbarschaftliches Zusammenleben mit Frau Barscheck ein profundes Training.

Schwieriger ist es da schon, wenn man sich selbstwiderspricht: Wohl wissend um die prekäre Arbeitssituation von Paketzustellern verfluche ich den Boten, der ohne auch nur den Versuch einer Zustellung mein Päckchen bei der nächstgelegenen Abholstelle abgibt. Meine feste Überzeugung, dass Innenstädte eigentlich autofreizu sein hätten, hält mich nicht davon ab, nach der dritten Umkreisung meines Wohnsitzes den Parkplatzmangel in ebenso drastischen Worten zu verdammen. Genauso wie ich gelegentlich der Rostwurstbude nicht widerstehen kann – trotz aller aufrechten Kritik am Elend der Tiere, deren durch den Wolf gedrehte Einzelteile mir da lecker und krossserviert werden. Die Liste könnte fortgesetzt werden.

Die Widersprüchlichkeiten aber, die sich jetzt gerade an der frisch entflammten Debatte über den §219a  auftun, überfordern mich dann doch erheblich. Schon die Formulierung des §218, dass ein Schwangerschaftsabbruch hierzulande unter bestimmten Bedingungen „illegal, aber straffrei“ ist, wirft Fragen auf. Noch viel mehr die kürzliche Verurteilung einer Ärztin wegen illegaler „Werbung“ für Abtreibung. Die Medizinerin hatte auf ihrer website sowohl die Tatsache, dass sie solche Eingriffe vornimmt als auch Informationen darüber bekannt gemacht. Das soll nun also die im Gesetz beschriebene Werbung ihres „Vermögensvorteils wegen oder in grob anstößiger Weise“ gewesen sein? Offenbar reicht dazu der Fakt, dass die Ärztin für diese Leistung bezahlt werden will. Was unter bestimmten Voraussetzungen sogar die Krankenkasse übernimmt. Seltsam. Und widersprüchlich.

Noch viel mehr die Debatte darum, ob denn nun für eine Entscheidung der Abgeordneten über eine eventuelle Streichung des §219a der Fraktionszwang aufgehoben und die Angelegenheit zu einer „Gewissensentscheidung“ gemacht werden solle. Weil ja schon laut Grundgesetz der oder die Abgeordnete stets und ausschließlich ihrem Gewissen verantwortlich ist. Also immer. Wer also die Stimme seines Gewissens durch die Stimme seines Fraktionschefs ersetzt, handelt grundgesetzwidrig. Widersprüche über Widersprüche.

In die sich auch die SPD verwickelt, die ihre klare Position für eine Streichung des Werbungs-Paragrafen zurückzieht, des Koalitionsfriedens wegen. Obwohl eine Mehrheit von SPD, Linken, Grünen und FDP durchaus in Sicht ist. Beziehungsweise eben deswegen. Denn man will ja gewissenhaft in der Regierungsverantwortung bleiben.

Meine Nachbarin fragt sich auch, warum „Lebensschützer“ immer dann auf den Plan treten, wenn es um ungeborenes Leben geht. Und immer dann das C im Namen der Union aufgerufen wird, wie gerade wieder in Frau Kramp-Karrenbauers Twitternachricht zum Thema. Während das nachgeburtliche Leben von unfreiwillig Schwangeren, Geflüchteten auf dem Mittelmeer oder sanktionierten Hartz-IV-Empfängern der christlichen Zuwendung offenbar deutlich weniger bedarf. Wie es Jens Spahn formulierte: „Ich finde, einen Hartz-IV-Satz kann ich nicht aus dem Glauben ableiten... Aber wenn es um Lebensschutz geht, dann wird es doch auch sehr, sehr grundsätzlich. Und da bin ich dann auch Katholik.“ Der Balken des Widerspruchs im eigenen Auge ist halt immer besonders schlecht zu sehen.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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