Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Kikerikiki"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 30.11.2018 16:20 Uhr

Nr. 704

Nicht dass Sie denken, ich machte nicht auch gern mal ein Schnäppchen. Ich bin doch nicht blöd. Klar freut es mich auch, wenn ich die begehrte Hose, das Sweat-Shirt oder den neuen Klapprechner irgendwo besonders günstig in die kaufwilligen Finger bekomme. Gerne, wenn das Objekt meiner Begierde billiger zu haben ist, weil die neueren Modelle nach Platz im Laden verlangen oder das Kleidungsstück plötzlich nicht mehr hip genug ist.

Problematischer wird es allerdings, wenn billig das ganze Geschäftsprinzip des Anbieters ist. Discounter heißt das pseudo-englische Schlagwort dafür. Da sollte sich König Kunde schon mal fragen, wie denn der aufgerufene Dauer-Niedrig-Preis überhaupt zustandekommen kann. Zum Beispiel beim Kinder-T-Shirt für 3,99 Euro und seinem erwachsenen Pendant für 5,99 Euro. Da ist dann meist an allem gespart worden – vornehmlich an den Löhnen für die Mitarbeiter, die Hersteller, die Lieferanten.

In Dortmund beginnt diese Woche ein Prozess gegen einen der größten Textildiscounter der Republik, KiK. Kläger sind vier Pakistani. Ein Überlebender und drei Hinterbliebene von Opfern einer Katastrophe. Vielleicht erinnert sich der eine oder die andere noch an den Vorfall: Mehr als 250 Menschen sind im Jahr 2012 in der pakistanischen Näherei verbrannt. Haupt-Auftraggeber für die Textilien war eben KiK. Weil in Deutschland keine Gruppenklagen möglich sind, stehen nun also vier Kläger quasi stellvertretend vor dem deutschen Gericht. Verhandelt wird nach pakistanischem Recht, das maßgebliche Gutachten stammt von einem englischen Juristen.

Sieht nicht gut aus für die Pakistani, denn danach soll der Fall schon seit 2014 verjährt sein. Da gibt es zwar einen von KiK unterzeichneten Verjährungsverzicht, aber, so die Firmenleitung, der bezog sich nur auf materielle Schäden, das nun verlangte Schmerzensgeld jedoch sei die Entschädigung für einen immateriellen Schaden. Und überhaupt sei KiK an dem Brand ja nun nicht schuld.

Das mag sein – in juristischem Sinn. Wer aber seine Billig-Plünnen in Asien zusammennähen lässt, in Fabriken, in denen die Beschäftigten für 50 Euro Monatslohn ohne Arbeitsverträge und ohne irgendwelche Versicherungen schuften, damit die hart kalkulierten Preise gehalten werden können, darf sich nicht wundern, wenn dann kein Geld mehr bleibt für Brandschutz und andere funktionierende Sicherheitsmaßnahmen. Und kann sich die vom Geldzählen verdreckten Hände auch nicht so ohne weiteres mit dem probaten Handreiniger "Unschuld" wieder weiß waschen.

Im nahen Umkreis der abgebrannten Fabrik gibt es übrigens eine Näherei, in der alles bestens ist: Höhere Löhne, korrekte Arbeitsverträge, Brandschutz. Diese Näherei hat allerdings keine europäischen Kunden. Die Kosten wären etwa 20 Prozent höher. Sprich: Das oben erwähnte Kinder-T-Shirt würde dann im deutschen Laden 4,79 Euro kosten. Oder der Discounter etwas weniger Gewinn erzielen.

Meine Nachbarin Barscheck sagt ja schon lange, viel dringender als Warnhinweise auf Tabakwaren brauchten wir Etiketten auf Billig-Textilien, Handys und anderer Unterhaltungselektronik. Mit abschreckenden Bildern von Menschen, die die Herstellung dieser Waren krank gemacht oder getötet hat – von den Näherinnen in Pakistan und Bangladesch bis zu den Minenarbeitern im Kongo, die als moderne Sklaven die seltenen Metalle für unsere Smartphones aus dem Boden kratzen.

KiK ist übrigens eine Abkürzung für "Kunde ist König". Wie Majestät wünschen?


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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