Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Termine"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 23.11.2018 15:40 Uhr

Nr. 703

Nicht dass Sie denken, ich hätte kein Verständnis für Terminprobleme. Geht uns doch allen ständig so. Da muss der Opernbesuch abgesagt werden, weil just an diesem Abend ein wichtiges Fußballspiel übertragen wird, der Zahnarztbesuch kollidiert mit dem Einstand der neuen Kollegin und zur Podiumsdiskussion über die Verkehrslage im Wohnviertel kann man leider auch nicht gehen, weil da gerade "Tag der offenen Tür" im Autohaus ist und die neuen SUV-Modelle vorgestellt werden. Kein Grund also sich darüber aufzuregen, dass Verkehrsminister Andreas Scheuer den für die kommende Woche geplanten Diesel-Gipfel mit seinen europäischen Kollegen platzen lässt, aus Termingründen.

Wir wissen natürlich nicht, was der gestresste Andreas stattdessen im Kalender stehen hat. Vielleicht steht für den selbsternannten "Kumpel der Fließbandarbeiter" da endlich mal wieder ein lang geplantes Feierabendbier in einer Wolfsburger Kneipe mit den Jungs vom VW-Fließband an? Wir wissen es nicht. Wir wissen allerdings, dass er sich eine Woche vorher die Zeit genommen hat, beim "12. Klimagespräch" der IHK Region Stuttgart über "Klimaschutz und Mobilität" zu diskutieren. Mit dabei Daimler-Cheflobbyist Eckart von Klaeden, von Scheuer liebevoll als "Ecki" angesprochen.

Mit dem ist sich der Andi einig: Saubere Luft, das wollen sie doch alle. Aber eben auch, sagt Scheuer "gute Mobilität". Und jedenfalls keine Fahrverbote. Auch kein Tempolimit. Eine Quote für Elektroautos lieber nicht. Er sei halt "nicht so der fixierte, einzementierte, an Quoten oder Verboten orientierte Typ", sagt Scheuer. Halt mehr locker und so. Das muss man alles "über Anreize hinbekommen". Oder wie der Daimler-Mann formuliert: Den Klimaschutzzielen muss man "marktwirtschaftlich begegnen". Da sind Andi und Ecki ganz beisammen. Die Mobilität der Zukunft "muss Spaß machen".

"Pushy" will der Andreas sein, wenn es heißt "mehr Mobilität bei weniger Verkehr", und da wird man doch gleich ganz wuschig, was für ein junger, umtriebiger Kerl der Andi ist. Dagegen stinkt die ebenfalls eingeladene Wissenschaftlerin, die eben doch staatliche Regulation und Quoten fordert, natürlich als ewig gestrig ab. Bei so was packt den Andi der Zorn. "Wir diskutieren nur über Einschränkungen, Beschränkungen, Downsizen, weniger, weniger, weniger." So wird das nie was. Wo doch jeder weiß, dass die Marktwirtschaft nur über mehr, mehr, mehr funktioniert. Und Klimaschutz muss – was denn sonst - "Spaß machen".

Es ist nur schade, meint meine Nachbarin Barscheck, dass solche Termine dann doch überwiegend von handverlesenem Publikum aus der Wirtschaft besucht werden. Sonst wüssten viel mehr Menschen, in welch guten Händen der Klimaschutz und die Verkehrsplanung bei uns im Lande liegen. Nämlich in denen von Pushy Andi und Kumpel Ecki, der ja damals mit seinem beherzten Einsatz dafür gesorgt hat, dass der EU-Entwurf über Abgastests unter realen Verkehrsbedingungen so nicht über die Bühne ging. Also Schwamm drüber, dass der Andi nächste Woche keine Zeit hat für den EU-Diesel-Gipfel. Es gibt halt wichtigere Termine. Auch das Ministeramt muss schließlich Spaß machen.

Dank Andi haben ja auch die dieselfahrenden Bürger zumindest einen Termin weniger im proppevollen Kalender: Zur Hardware-Nachrüstung müssen sie ihr Auto nicht in die Werkstatt bringen.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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