Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Saarländische Lösung"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 09.11.2018 16:40 Uhr

Nr. 701

Nicht dass Sie denken, ich wollte mich hier irgendwie anbiedern. Als Saarländer mit Migrationshintergrund – also ohne die Gnade der hiesigen Geburt. Auch wenn ich in den letzten 40 Jahren gelernt habe, Lyoner in allen möglichen Aggregatzuständen zu verspeisen, über den Unterschied zwischen Dibbelabbes und Schales zu räsonieren, selbst Dialekte aus entlegenen Ortschaften des Saargebietes jedenfalls weitgehend zu entschlüsseln und Maggi als Allroundzutat zumindest ohne Anzeichen von Ekel dankend abzulehnen – ich bleibe natürlich immer Zugereister.

Wenn ich mich nun also bei dem Wunsch ertappe, Annegret Kramp-Karrenbauer solle doch bitte die nächste Parteivorsitzende der CDU werden, dann hat das weder mit einem unverhofften Ausbruch von Lokalpatriotismus noch mit einem würdelosen Versuch des Einschleimens zu tun. Es liegt schlicht und einfach an den anderen angebotenen Unmöglichkeiten. Denn schlimmer geht’s immer. Wenn Regen und Traufe zur Wahl stehen, ist ein bisschen Weihwasser eine echte Alternative.

So wie es nun mal aussieht, wird der oder die neueste Parteivorsitzende ja auch für die Kanzlerschaft kandidieren. Und dieses Amt dann mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auch erringen. Ehrlich: Die Vorstellung, dass wir künftig von dem nach gut neun Jahren wie ein Flaschenteufel wieder in der Politik aufgetauchten Bierdeckel-Friedrich regiert werden könnten, lässt mir den gegrillten Lyoner doch im Halse stecken bleiben.

Nicht zuletzt, weil dem Mann als Aufsichtsratsvorsitzenden von Blackrock Deutschland doch ein deutlicher Lobbyisten-Duft nach den 6,29 Billionen US-Dollar anhaftet, die dieser Konzern weltweit bewegt. Und die ihn zu einer wirtschaftlichen und politischen "heimlichen Weltmacht" machen. Von den offenkundigen Beteiligungen an den "Cum-Ex"-Steuermanipulationen ganz zu schweigen, die Blackrock Deutschland gerade Ermittlungen und Hausdurchsuchungen beschert haben. Jaa, die "Cum-Ex"- Sache war vor Merzens Zeit. Und jetzt will er die "totale Aufklärung". Von der allerdings in seiner bisherigen Amtszeit nicht die Rede war.

Jens Spahn, sein Mitbewerber um die Merkel-Nachfolge, bewarb sich jetzt per Twitter-Video um die Gunst der CDU-Mitglieder. Ein Filmchen, dem meine Nachbarin Barscheck dringend einen Warnhinweis für Epileptiker voranstellen möchte: Unterlegt mit treibender Percussion flimmern da zeitgeistig hintereinander geschnittene Bildschnipsel von Jens Spahn, durch Berlin laufend, fahrend, springend, im Aufzug, zu Fuß, im Auto, mit Handy, Baukräne anguckend, Manschetten zupfend und Krawatte faltend vor dem überforderten Auge vorbei.

Dazu blitzen immer wieder sekundenschnell bunte Rechtecke auf, mit Worten wie Herz, Demokratie, Kraft oder Familie, offenbar in der Hoffnung, diese Allerweltsbotschaften dem paralysierten Zuschauer ins Unterbewusstsein zu dübeln. Wofür steht dieser Mann? Falsche Frage. Der steht nicht und niemals überhaupt. Jedenfalls nicht laut dieser pseudo-politischen ADHS-Fassung von "Lola rennt".

Und unser Annegret? Stellt sich 20 Minuten vor die Presse und erläutert, in klaren, zusammenhängenden Sätzen, ihre Vorstellungen von einer künftigen CDU. Die muss man ja nicht teilen, aber man versteht sie wenigstens. Und weiß hinterher zumindest, wo der Hase hinlaufen soll. Ja, sicher, sie hat ein erzkonservatives, katholisches Weltbild, ist gegen die Homoehe und für Kreuze in den Gerichtssälen und schwadroniert von Sicherheitsgefühl und Digitaliserung. Aber angesichts der Alternativen... Lieber Dibbelabbes mit Annegret als Sterneküche mit Merz oder streetfood mit Spahn.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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