Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Vom Volke aus"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 02.11.2018 16:20 Uhr

Nr. 700

Nicht dass Sie denken, ich hätte auf alles eine Antwort. Aber die Fragen gehen mir nicht aus. So zum Beispiel: Was ist eigentlich eine Volkspartei? Muss man ja wissen, in Zeiten, in denen sich die Balken der Wahlergebnisse nur so biegen vor lauter Auf und Ab. Und trotzdem auf der einen Seite keine Partei davon lassen will, eine Volkspartei zu sein, während auf der anderen die Durchstarter den Titel für sich neu reklamieren.

Volksparteien, wohin das verwirrte Wählerauge auch blickt. Hängt der begehrte Titel von den erreichten Wählerstimmen ab? "Aber nein" ruft es aus den Parteizentralen der zunehmend von den Wählern verlassenen ehemaligen Großparteien. "Aber ja, sicher doch!" schallt es fröhlich von den siegestrunkenen Grünen und der AfD, die ja ohnehin schon lange grölt, sie sei das Volk. Ja, was denn nun. Wikipedia, hilf!

Und siehe, es ward geholfen. Eine Volkspartei zeichnet sich durch den Anspruch aus, für das ganze Volk da zu sein. Eben nicht nur für eine bestimmte Klientel. Und das gibt es eigentlich erst seit nach dem Zweiten Weltkrieg. Als die CDU nicht mehr, wie vorher die Zentrumspartei, nur für die Katholiken wählbar sein sollte und später die SPD mit dem Godesberger Programm sich vom Marxismus verabschiedete und nicht mehr Arbeiterpartei sein wollte. Entsprechend setzte der große Run auf "die Mitte" ein, wo nun bekanntlich die Wahlen gewonnen werden.

Nun weiß ja jeder, der nicht alle Geometriestunden wegen Kopf-, Zahn- oder Bauchschmerzen versäumt hat, dass die Mitte einer geometrischen Figur ein recht beengter Ort ist. Genauer gesagt: Ein Punkt. Auf dem nicht einmal die kleinste Partei Platz fände. Es lappt also ein wenig über und herum, nach allen Richtungen. Und ein großer Teil der Wählerschaft findet sich in einem gut durchmischten Parteienbrei und weiß nicht mehr, wo er denn nun hingehört.

Dazu kommt noch, dass diejenigen, die sich eher an einem der Ränder ihrer Partei eingeordnet hatten, sich nicht mehr zuhause fühlen in der mittenorientierten Volkspartei. Und sich deshalb fort begeben zu einer kuscheligeren Politheimat. Ist halt so: Nur weil man als Volkspartei nicht mehr Einzelinteressen vertreten möchte, sind die Interessen ja nicht weg.

Ein großes Mißverständnis wäre es übrigens, anzunehmen, so eine Volkspartei hieße deswegen so, weil sie das Volk repräsentiere. Tempi passati. Bis Ende der 90er Jahre stammten noch nur ein Drittel der Minister aus dem gehobenen Bürgertum, sprich der oberen 3 bis 5 Prozent des Volkes. Heute sind es schon zwei Drittel. In der amtierenden Regierung gibt es gerade mal noch zwei Arbeiterkinder, Herrn Altmaier und Herrn Seehofer.

Eintreten in eine Partei kann natürlich nach vor wie jeder – aber nach oben schaffen es nur die Angehörigen der Eliten. Und die bleiben nach neuesten Studien immer mehr unter sich. Sie wohnen in Elite-Gegenden, betreiben Elite-Hobbies und treffen Elitenzugehörige – immer mittig, selbstverständlich. Je weiter die Arm-Reich-Schere, die Einkommensunterschiede und die Immobilienpreise auseinanderdriften, desto stärker der Effekt.

Lieschen Normal-Wählerin und Otto Normal-Wähler sausen derweilen längst wie Flipperkugeln zwischen all den kleinen und ganz kleinen Volksparteien hin und her. Meine Nachbarin Barscheck sagt, dass sie eben längst wählen, wie sie auch kaufen: Heute bei amazon, morgen bei ebay und übermorgen bei zalando. Gibt eh überall das Gleiche. Oder sie wählen gleich gar nicht mehr. Weil: Egal, was man in der Wahlkabine bestellt – was danach beim Wähler ankommt, bleibt die Frage.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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