Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Grenzwertig"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 26.10.2018 16:20 Uhr

Nr. 699

Nicht dass Sie denken, ich wüsste, was Frau Merkel so liest. Und ob überhaupt. Also außer Wahlumfragen und Briefen von Horst Seehofer. Bei letzteren bin ich mir da auch nicht ganz sicher. In den letzten Tagen könnte ihr auch Brechts Dreigroschenoper vor die übermüdeten Augen gekommen sein. Vielleicht beim Friseur, da liegt ja immer so einiges rum: Frau im Spiegel, Gala, Brecht...

Denkbar jedenfalls, dass ihr da die Liedzeile "Doch die Verhältnisse, die sind nicht so" untergekommen ist. Und dass da im Kanzlerinnengehirn, das ja in diesen Vorhessenwahlzeiten immer und überall mit der Vermeidung des drohenden Desasters beschäftigt ist, irgendetwas "Klick" gemacht hat. In der Art: Fahrverbote für Diesel drohen in Frankfurt – das kostet Wählerstimmen – und das wegen ein paar Mikrogramm zuviel – das steht doch in keinem Verhältnis! Ja! Genau! Unverhältnismäßig ist das. Und wenn die Verhältnisse halt nicht so sind, wie gewünscht, dann passen wir sie eben an.

So trat die Kanzlerin, frisch frisiert und geföhnt, vor die nächste erreichbare Kamera und verkündete, sie werde das Bundesimmissionsschutzgesetz ändern. Wenn da ein paar Autos eben zehn Mikrogramm mehr als die erlaubten 40 Mikrogramm rauslassen, dann sei das ok, und ein Fahrverbot nicht mehr verhältnismäßig. Großartig. Wahlen nach Zahlen. Das ist zwar de-facto eine Grenzwerterhöhung um 25 Prozent, aber wer rechnet sowas schon nach?

Dummerweise hat die Kanzlerin der Dieselfahrer die Briefe, die der hessische CDU-Frontmann Bouffier mittlerweile an die Bundesregierung geschrieben hatte, wohl auch nicht gelesen. Der verfolgt nämlich einen anderen Plan zur Bekämpfung des Wählerunmuts in Sachen Diesel. Er meldete, dass statt der bisher bekannten höchsten Messung von 47 Mikrogramm in der Frankfurter Luft in Wirklichkeit schon 54 Mikrogramm gemessen wurden. Und damit wird Frankfurt zur sogenannten "Intensivstadt", was großzügigere Umtauschprämien und Hardware-Nachrüstungen der Autohersteller nach sich zöge. Heureka! Auch das ist Balsam für die grummelnden Diesel-Opfer – also, die hinterm Steuer, nicht die hinterm Auspuff.

Allerdings ist damit Merkels Rechentrick Makulatur, weil ja nun auch die 50-Mikrogramm-Hürde locker gerissen wurde. Hätte sie nur weiter gelesen in der Brechtschen Oper, meint meine Nachbarin Barscheck. Da heißt es dann nämlich: "Ja mach nur einen Plan, sei nur ein großes Licht, und mach dann noch 'nen zweiten Plan, gehn tun sie beide nicht."

Was lernen wir nun daraus? Nichts natürlich, wie immer. Aber, was könnte man daraus lernen? Lesen bildet, beispielsweise. Oder: Willst du den Wähler – und die Wählerin selbstverständlich – über's Ohr hauen, dann flüstere ihm nicht in jedes Ohr was anderes. Oder mach deinen Job gleich richtig und bestraf die Betrüger statt die Betrogenen.

In Hessen aber wird stattdessen weiter auf chefkoch.de nach leckeren Krötenrezepten gesucht. Nur, wer sie dann bei den anstehenden Koalitionsverhandlungen schlucken muss, ist noch offen. Aber da wird sich schon jemand finden, ging ja bislang auch.

Im oben erwähnten Brecht-Song heißt es ja auch noch: "Der Mensch ist gar nicht gut, drum hau ihn auf den Hut. Hast du ihn auf den Hut gehaut, dann wird er vielleicht gut." Das können ja dann am Sonntag die Hessen übernehmen.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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