Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Hurra-Kapitalismus"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 19.10.2018 16:40 Uhr

Nr. 698

Nicht dass Sie denken, mir sei Dankbarkeit fremd. Schon als Kind äußerte ich – wenn auch meist nicht ganz ohne elterlichen Druck – meinen Dank für Wollsocken, lehrreiche Bücher und Beiträge zum Sparbuch in einfallsreich formulierten Schönschrift-Dankesbriefen an die schenkende Verwandtschaft. Und natürlich ist Dankbarkeit auch angezeigt gegenüber großherzigen Spendern an die Allgemeinheit.

Insofern gilt mein besonderer Dank Bill Gates – vor allem natürlich für die zahllosen Stunden, Tage und Wochen, in denen mich sein Windows vor Langeweile und Müßiggang bewahrt hat. Von der philosophischen Herausforderung der drei großen Menschheits-Fragen "Abbrechen? Wiederholen? Übergehen?", die wir alle Herrn Gates zu verdanken haben, gar nicht zu sprechen. Und natürlich ist zu loben, dass der reichste Mann der Welt so große Teile seines Reichtums zur Bekämpfung von Krankheiten, Hunger und Unterentwicklung spendet, dass er nunmehr nur noch der zweitreichste Mann der Welt ist.

Anlässlich der Eröffnung eines deutschen Büros seiner Stiftung verkündete Bill nun, dass der Kapitalismus eben das beste denkbare System sei, um Wohlstand zu verteilen und Ungleichheiten zu bekämpfen. Nun muss man nicht unbedingt, auch im noch laufenden Marx-Jahr, auf die Schriften des Alten verweisen, um einzuwenden, dass es doch wohl eher dieser Kapitalismus ist, der Ungleichheit quasi als Geschäftsgrundlage braucht und auch schafft. Woher kämen die exorbitanten Unternehmensgewinne wenn nicht aus den Niedriglohnländern, den sklavenähnlichen Arbeitsbedingungen in Drittwelt-Ländern und der Lohndrückerei im eigenen Land.

Aber nein, so Bill Gates: "In einem kapitalistischen Wirtschaftssystem kann man Steuerniveaus festlegen, um Wohlstand zu verteilen“. Kann man, vielleicht, mag sein, tut man aber eher nicht. Und wenn doch mal so eine Idee aufflackert, sind es die, nennen wir sie mal so: Kapitalisten, die als erste schreien, dass die Wettbewerbsfähigkeit, die Arbeitsplätze und das Unternehmertum am Rande des Ruins stünden.

Außerdem sind ja nun gerade Firmen wie Microsoft nicht dafür bekannt, dass sie auch nur die fälligen, durchaus unternehmensfreundlichen Steuern freiwillig zu zahlen bereit wären. Gerade mal drei Prozent Steuern hat der Konzern 2016 abgedrückt. Weil er erstaunlicherweise den Löwenanteil seiner Gewinne in kleinen Karibikstaaten erzielt.

Trotzdem toll, dass der reiche Bill so großzügig spendet. Das Problem ist nur, dass eine Institution wie die Weltgesundheitsorganisation WHO inzwischen zu 80 Prozent von Gates und anderen superreichen Spendern getragen wird. Die Staatengemeinschaft zieht sich da immer weiter raus. Und die privaten Spender haben das Sagen, für welche Projekte das Geld verwendet wird. Die Spenden sind nämlich zweckgebunden. Gesund ist, was Bill Gates sagt.

Und das Geld seiner Stiftung kommt aus Firmenbeteiligungen an so gesundheitsfördernden Unternehmen wie Coca- und Pepsi-Cola, Unilever, großen Alkohol-Konzernen und Pharmariesen. Die einen machen die Menschen fett und die anderen liefern die Diabetes-Medikamente. Win-win-Situation. Dabei sagt die WHO, der größte Krankheitsfaktor sei die Armut. Für deren Bekämpfung aber die Gelder nicht im erforderlichen Maße zur Verfügung stehen. Logisch, weil der Kapitalismus die Armut braucht, wie der Gartenkürbis das Mistbeet. Oder wie meine Nachbarin Barscheck die alte Weisheit formuliert: "Nur weil viele Länder arm sind, sind die reichen Länder reich." Undankbar – aber wahr.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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