Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Ausrufezeichen"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 12.10.2018 16:20 Uhr

Nr. 697

Nicht dass Sie denken, ich hätte zu heftig gefeiert. Hätte mir die Festivitäten zum deutschen Einigkeitsjubeltag schön getrunken. Schon gar nicht habe ich mir die Stimme durch lautstarkes Grölen bei irgendeinem Sport- oder sonstigen Event wundgeschrieen. Es hat sich schlicht irgendein boshafter Virus bei mir eingenistet, der ausnahmsweise nicht durch das Netz sondern durch ganz analoge face-to-face-Kommunikation mit kontaminierten Mitmenschen übertragen wurde.

Weshalb ich auch nur mit einem kläglichen Krächzen auf die Verlautbarungen zum Bericht des Weltklimarates reagieren konnte. Nicht etwa wegen der darin dargelegten Lagebeschreibung in Sachen Klimawandel und der daraus resultierenden Forderungen. Das war ja klar. Wer sich nicht gerade in den Verschwörungskanälen auf youtube informiert oder den amerikanischen Präsidenten für einen Klimaexperten hält, wusste eh schon vorher, wie der Hase läuft beziehungsweise der Eisbär absäuft. Aber die Reaktion der eiligst vor die Kameras gezerrten politischen Verwalter der Klimakatastrophe – na ja, es ging halt nur Krächzen.

So ziemlich das engagierteste Statement, das mir vor die erkältungsmüden Ohren kam, lautete, der Bericht sei ein wichtiges Ausrufezeichen in der Debatte. Und man werde weiterhin mit großen Anstrengungen – usw. usf. Weiter als bis zum ersten Ausrufezeichen des Berichtes haben die Damen und Herren vermutlich auch nicht gelesen. Die Bilder des aktuellen Unwetters auf Mallorca oder des gerade Florida verwüstenden Hurricanes Michael sind wohl an ihnen vorbeigegangen. Und die Hitze- und Dürrewelle des deutschen Sommers haben sie vermutlich nicht auf den ausgetrockneten Feldern in Brandenburg sondern an irgendeinem Strand ausgesessen und sich über den Sonnenschein gefreut.

Doch, sie handeln. Aber eben wie jemand, der angesichts eines Großbrandes verspricht, sich umgehend und verstärkt der Diskussion neuer Brandschutzbestimmungen zu widmen und sofortiges Löschen als übereilten Aktionismus abtut. Der Weltklimarat schreibt, "dass eine weitgehende Umwandlung notwendig ist, die auf einer fundamentalen Neuorientierung in Bezug auf menschliche Werte, Gerechtigkeit, Verhalten, Institutionen, Wirtschaften und Technologien basiert". Und das pronto. Was unter anderem heißen würde: Keine Kohlekraftwerke mehr, weniger Autos, weniger Fleischkonsum, weniger Fernflüge. Unter anderem.

Ist halt blöd, dass man für solche Forderungen dann eher nicht mehr gewählt wird. Und die Arbeitsplätze! Apropos: Verkehrsminister Scheuer war in der Tagesschau zu sehen, wie er verzweifelt und geknickt herumsaß, nicht einmal zu einer Aussage vor den Kameras war er mehr fähig. Hatte er etwa den Weltklimabericht ganz gelesen? War er verzweifelt, weil das Problem der giftigen Diesel nicht in den Griff zu bekommen ist? Aber nein, ihn deprimiert, dass Umweltministerin Schulze "ein schlechteres Ergebnis" bei der EU in puncto Abgaswerte verhandelt hat. Nämlich 35 Prozent Reduktion der CO2-Werte für Neuwagen.

Nun könnte - oder müsste - man ja sagen, dass das ein besseres Ergebnis als die von der Bundesregierung bestellten 30 Prozent sei. Aber halt nicht für die deutsche Autoindustrie. Die sieht mal wieder das Ende nahen – wie schon bei Einführung des Sicherheitsgurtes und des Katalysators. Was reg ich mich auf? Ich muss wieder ins Bett und das Gesundheitsgebräu meiner Nachbarin Barscheck schlucken. Irgendwas mit Curcuma und Ingwer. Bio. Damit ich schon morgen wieder laut schreien kann. Krächzen bringt ja nix.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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