Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Das lange Bett"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 05.10.2018 15:40 Uhr

Nr. 696

Nicht dass Sie denken, ich sei ein Trödler vor dem Herrn. Oder der Dame. Oder überhaupt. Dachte ich ja auch immer, aber man lernt ja dazu. Ich leide vielmehr unter Prokrastination. Also unter Aufschieberitis, wie meine Nachbarin Barscheck immer sagt – was natürlich nicht halb so aufregend klingt und schon gar nicht nach einem wirklichen Leiden. Also so im medizinischen Sinne. Um auf den Punkt zu kommen: Auf eben den komme ich nur auf längeren Umwegen. Was ich heute könnt besorgen, das verschieb ich gern auf morgen.

Oder auf übermorgen. Jedenfalls auf den letztmöglichen Zeitpunkt. Bis zu dem ich selbstverständlich nicht einfach untätig bleibe. Das wäre ja faul. Ich mache eben nur etwas anderes als ich eigentlich sollte. Aber schon immer mit dem Zielvor Augen: Ich will einen Text schreiben über Prokrastination. Natürlich muss ich dazu wissen, woher dieses Wortungetüm überhaupt kommt. War da nicht so ein griechisch-mythologischer Riese? Schnell mal bei Wikipedia reingeschaut. Ach nee, der hieß ja Prokrustes. Trotzdem, könnte  ja sein. Irgendeine der zahllosen Lautverschiebungen.

Dieser Prokrustes war ja bekannt für seine eigenartige Gastfreundschaft. Er nötigte Wanderer in sein Gästebett und machte sie dann passend. Zu lang geratenem Übernachtungsbesuch kürzte er per Axt die Beine, eher kurz gewachsenen Besuchern streckte er auf seinem Amboss die Figur mit dem Hammer. So kam er denn auch zu seinem Namen, denn Prokrustes bedeutet im Griechischen „Ausstrecker“.

Was mich an einen Bösewicht in James Bond erinnert, der aber, wie ich nach kurzer Recherche feststelle, dann doch „Der Beißer“ hieß und nicht das Geringste mit dem alten Riesen zu tun hat. Aber wenn ich schon mal dabei bin, lese ich noch rasch die Titelliste aller James-Bond-Filme nach und natürlich auch die jeweiligen Darsteller der Doppel-Null.

Die Zeitdrängt, also zurück zum Matratzen-Riesen. Tolle Geschichte – und wie mir scheint ein überzeugendes Bild für mein Leiden. Da wird ja schließlich auch  sehr drastisch etwas in die Länge gezogen. Sagt man ja auch so: Etwas aufs lange Bett schieben. Nein, das heißt ja „auf die lange Bank schieben.“ Eine Redensart, die übrigens auf das Reichskammergericht in Wetzlar zurückgeht, wo Akten auf einer langen Bank gelagert wurden und dann – immer die älteste zuerst – abgearbeitet wurden. Manchmal kam man dann nicht mehr, oder eben sehr spät, zur Bearbeitung der aktuellen Fälle. Interessant, was man so alles im Internet erfährt.

Zurück zu Prokrustes. Der bösartige Knilch wurde übrigens von Theseus erschlagen. Das war der, der auch das Goldene Vlies geraubt hat. Dachte ich zumindest, bis ich beim Nachlesen feststellte, dass das natürlich Iason war. Mit den Argonauten. Weiß man ja eigentlich.

Wie ich bei einer kleinen, aber nach der Schwerstarbeit ja wohl verdienten Zwischenmahlzeit auf der Küchenuhr feststelle, ist der Abgabetermin für meinen Text schon in bedrohliche Nähe gerückt. Ich schlage nun doch mal nach unter Prokrastination und werde rasch darüber belehrt, dass weder der genannte Riese noch  irgendwelche Urologen was damit zu tun haben. Das Wort kommt aus dem Lateinischen, in dem procrastinare für „vertagen“ steht. Eigentlich „ pro crastinum“, also: „für morgen“.

Unter dem Artikel ist lesenswerte Literatur über das Leiden aufgeführt. Zum Beispiel der Ratgeber „Wann, wenn nicht jetzt?“ Blöde Frage – später halt. Aber ich wollte Ihnen ja etwas über meine Prokrastination erzählen. Komme ich jetzt nicht mehr dazu. Tut mir leid. Vielleicht das nächste Mal.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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