Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Lust und Unlust"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 28.09.2018 16:40 Uhr

Nr. 695

Nicht dass Sie denken, ich nähme alles, was so an Reden und Statements aus der Berliner Menagerie auf uns einprasselt, immer gleich persönlich. Das wäre selbst für eine eher dickfellige Seele wie die meine dann doch zu viel. Denn bei dem, was so ein Politiker oder so eine Politikerin im Laufe ihres oder seines Berufslebens alles wegsabbelt, können nun mal nicht lauter intellektuelle und rhetorische Perlen vor uns Wählersäue geworfen werden. Schon klar.

Wenn aber unser oberster Uhu aus Schloss Bellevue zu präsidialen Verlautbarungen anhebt, gebietet es uns die Bürgerpflicht und der vielzitierte Respekt vor dem Amt, offenen Ohres und Herzens zu lauschen. Zumal wenn rein kalendarisch anzunehmen ist, dass sich Frank-Walter der Erste schon mal warmredet für den kommenden Nationalfeiertag.

Wir Deutsche seien, konstatierte das Oberhaupt unserer Demokratie jüngst, von einer "merkwürdigen Lust am Untergang" getrieben. Dümpelten also quasi auf der MS Deutschland durch die Weltgeschichte auf irgendeinen Eisberg zu und harrten mit wohligem Schauder der Kollision. Statt uns moralisch daran aufzurichten, wie komfortabel und wohlorganisiert unser demokratischer Luxusliner doch dasteht. Tut mir leid, Herr Bundespräsident, das entspricht so gar nicht meiner inneren Verfassung. Ich würde in obigem Fall, weit entfernt von irgendwelchen Lustgefühlen, zunächst bei der Kapitänin dringend eine Kursänderung beantragen und im Falle der Verweigerung mich um einen Platz im Rettungsboot anstellen.

Aber es gibt den Untergangs-Eisberg ja gar nicht. Nicht, weil er aufgrund des Klimawandels längst geschmolzen ist, sondern, weil wir ihn uns nur einbilden. Beziehungsweise weil die bösen Medien uns Tag und Nacht mit Bildern von Eisbergen berieseln. In Uhu-Sprech: "Man kann die Demokratie auch krankschreiben und in die Depression hineinreden." Ach so. Wir haben ja auch gerade erfahren, dass die Zahl der Krankschreibungen in den letzten zehn Jahren um 60 Prozent zugenommen hat. Gerade auch wegen psychischer Probleme.

Aber Steinmeier ist bereits bei einer anderen Diagnose angekommen: "In unserem Land beobachten wir heute eine Dauerempörung, eine sozialmoralische Rage, mit der Gruppen regelrecht gegeneinander in den Kulturkampf ziehen." Um Himmels willen! Nicht dass ich wüsste, was eine  "sozialmoralische Rage" sein könnte, aber ich verstehe doch, dass wir laut Steinmeier zu empört sind über Altersarmut, die sich ständig vergrößernde Kluft zwischen Arm und Reich, Pflegenotstand, Lehrermangel, marodes Bildungssystem und prekäre Arbeit bei gleichzeitig explodierenden Gewinnen der Wirtschaft. Ich gebe zu, in dieser Hinsicht schon gelegentlich eine Art von Rage verspürt zu haben und gelobe Besserung.

Auf gar keinen Fall, spricht die Bundeseule weiter, dürfe es eine "Verächtlichmachung der politischen Institutionen" geben. Denn das käme "einem Frontalangriff auf die liberale Demokratie" gleich. Meine Nachbarin Barscheck gibt allerdings zu bedenken, dass die derzeitigen Aufführungen der politischen Institutionen zum Beispiel in Sachen Maaßen, Migration, Hambacher Forst und Umgang mit rechten Aufmärschen ihr nicht gerade Achtung abnötigten. Und somit eben diese politischen Institutionen offenbar selber fleißig gegen die liberale Demokratie zu Felde zögen. Schon wieder so eine Untergangsfantasie!

Aber, tröstet uns der Präsident, solcherlei "öffentliche Abgesänge" auf die Demokratie könnten ja auch zu einem "Weckruf für alle Demokraten" werden. Also, liebe Leute: Egal ob Sie nun dauerempört in sozialmoralischer Rage sind oder schlafender Demokrat: Hören Sie den Weckruf! Aufstehen! Eisberg voraus. Ahoi!


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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