Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Hübsch hässlich"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 14.09.2018 16:20 Uhr

Nr. 693

Nicht dass Sie denken, ich hielte den Spiegel generell für ein hilfreiches politisches Medium. Nein, ich meine hier nicht das Presseerzeugnis dieses Namens, sondern schlicht jenes reflektierend beschichtete Glas, in das wir allmorgendlich im Badezimmer blicken und in dem wir uns mehr oder weniger rasch wiedererkennen. Ob die Reaktion darauf dann eher ein "Mein Gott, seh ich gut aus" oder stumm-verzweifeltes Abwenden ist, das hängt vom jeweiligen Gemütszustand des Betrachters ab. Oder der Betrachterin.

Ich habe natürlich keine Ahnung, was Frau Weidel, Frau von Storch oder Herr Gauland im Spiegel sehen. Halte es aber eher für unwahrscheinlich, dass sie mit dem Schreckensruf "Huch, ein Nazi" aus dem Badezimmer stürmen. Aber man soll die Hoffnung ja nicht aufgeben. Wie es uns Johannes Kahrs von der SPD in der Grundsatzdebatte im deutschen Bundestag vorgeführt hat. "Schauen Sie in den Spiegel, dann sehen Sie, was diese Republik in den Zwanzigern und Dreißigern ins Elend geführt hat", riet er den Abgeordneten der AfD.

Und weil die daraufhin nicht gleich die Taschenspiegel aus dem Make-up-Täschchen zückten, setzte er ein paar Sätze später noch einmal nach: "Hass macht hässlich - schauen Sie mal in den Spiegel." Wenn's so einfach wäre! Wir müssten nicht endlose Debatten führen, wer unter den Chemnitzer Trauermarschierern nun Rechtsradikaler und wer demokratisch-besorgter Bürger war. Das mehrheitliche Urteil: "Sieht scheiße aus" wäre genug, die ausländerhassende Spreu vom braven sächsischen Weizen zu trennen.

Aber immerhin, die Einlassungen des SPD-Mannes haben gereicht, um die AfD-Fraktion aus dem Sitzungssaal zu treiben. Is ja schon mal was. Johannes Kahrs ist halt Fachmann. "Ich bin Oberst der Reserve bei den Panzergrenadieren - ich weiß, wie politische Bildung geht", teilte er im Interview mit. Und für den Auszug der beleidigten Rechten hat er nur Verachtung übrig: "Austeilen wie die Großen und dann mimimi – das ist peinlich".

Mag sein, aber peinlich ist auch, dass sich mit Ausnahme von Frau Giffey kein Mitglied der Regierung in Chemnitz hat blicken lassen. Und noch peinlicher ist, dass wir uns seit Wochen und Monaten die politische Tagesordnung von der AfD diktieren lassen. Und selbst noch einen so verzweifelt dummen Seehofer-Spruch wie den von der Migration als "Mutter aller Probleme" so lange auf allen Kanälen diskutieren, als sei sie es wirklich. Während im Hintergrund die bewährte Kampfdrohne von der Leyen schon mal einen Bundeswehreinsatz in Syrien rhetorisch vorbereitet, das katastrophale Rentenniveau bis ins Jahr 2040 festgeschrieben werden soll und der Verfassungsschutzchef ungestraft mit der AfD kungeln darf.

Autsch – da sind wir schon wieder beim Thema. Aber wie auch immer – hübsch oder hässlich, das sind keine politischen Kategorien. Meine Nachbarin Barscheck allerdings findet Herrn Gaulands Krawatte völlig unakzeptabel. Sie wissen schon, dieses grüne Polyesterteil, auf dem gelbe Jagdhunde angriffsbereit herumstehen. Gibt‘s übrigens für 29 Euro beim bekannten Internetversender unter dem Stichwort "Krawatte Alexander". In der Beschreibung dort heißt es "Die stilsichere Alternative zum Mode-Diktat des Mainstreams. Für den unangepassten Herren mit Geschmack. In Politik und Wirtschaft gleichermaßen erfrischend." Und zuletzt: "Hält Ihren täglichen Gewohnheiten stand - ob auf der Jagd, im Wahlkampf oder im Büro."

Barscheck glaubt jedenfalls nicht, dass ein Blick in den Spiegel bei einem Träger eines solchen Binders irgendetwas bewirkt. Mag auch sein - ist aber nur ein Vogelschiss im braunen Matsch über der Krawatte...


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.