Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Sand"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 07.09.2018 16:20 Uhr

Nr. 692

Nicht dass Sie denken, ich hätte etwas gegen Sand. Wo wären wir ohne die kleinen, rieselnden Körnchen, aus denen wir schon als Kinder mit Hilfe von Wasser und bunten Förmchen die leckersten Kuchen und später die mächtigsten Burgen geformt haben? Das knirschende Zeug ist nach Luft und Wasser die meistgenutzte natürliche Ressource der Erde! Von allen abgebauten Rohstoffen entfallen bis zu 85 Prozent auf Sände. Oder Sande.

Keine Straßen, kein Mörtel, kein Beton, kein Zement, kein Glas ohne diese in Jahrmillionen kleingekrümelten Steine. Vom Strandurlaub gar nicht zu reden! Sanduhren, Sandbilder, Sandkuchen, Sandalen – unsere ganze Zivilisation ist auf Sand gebaut. Kaum etwas, was man damit nicht anstellen könnte. Männer aus Wüstenvölkern vergruben gar ihre Testikel ein halbes Stündchen im heißen Sand, bevor sie ihren Frauen beiwohnten – zum Zwecke der Empfängnisverhütung.

Kann man alles machen, meint meine Nachbarin Barscheck. Nur den Kopf sollte man tunlichst draußen lassen. Ein Erfahrungswert, der offenbar an Sachsens Ministerpräsident spurlos vorübergegangen ist. Michael Kretschmer muss schon kurz nach Auftauchen des rechten Mobs in den Straßen von Chemnitz seine Rübe mit Macht in den sächsischen Sand gerammt haben – und da ist er offenbar geblieben bis zu seiner Regierungserklärung. "Es gab keinen Mob, es gab keine Hetzjagd und es gab keine Pogrome in dieser Stadt", sagte der Regierungschef. Schuld an diesem bösartig verzerrten Sachsenbild sind mal wieder die Medien. Die offenbar ein hoch-integratives interkulturelles Fangenspielen gefilmt und anschließend zur fremdenfeindlichen Hetzjagd auf Ausländer umgedichtet haben.

Besorgte Bürger, die gemeinsam mit die Hand zum deutschen Gruß reckenden und Hasstransparente schwenkenden Neonazis ihrer Besorgnis Ausdruck verleihen, sind noch lange kein Mob! Sondern einfach nur... Sachsen. Und Pogrom – also das wären ja "Ausschreitungen gegen nationale, religiöse oder ethnische Minderheiten", wie der Duden schreibt. So was hat der Obersachse in seinem Sandkasten nun wirklich nicht gesehen. Lob für diese präsidialen Einlassungen gab es prompt – von AfD-Bundessprecher Meuthen: "Herr Kretschmer hat lange dafür gebraucht, die Faktenlage in seinem Bundesland zu den Vorgängen in Chemnitz zur Kenntnis zu nehmen." Aber immerhin: Er hat zum guten Ende.

Auch Horst Seehofer, der den Kopf nirgendwo mehr vergraben muss, verlautbarte Fundamentales zur Sache: Er habe Verständnis für die empörten Bürger in Chemnitz und "Die Migration ist die Mutter aller Probleme". Weil, wenn wir keine Ausländer ins Land gelassen hätten, sie auch niemanden hätten erstechen können. Anständige Deutsche bringen sich auf Volksfesten traditionell mit Bierkrügen und Baseballschlägern um.

Aber, wie es auf den besorgten Transparenten hieß: "Wir sind bunt, bis das Blut spritzt!" Darunter waren Fotos von schwerst misshandelten Frauen zu sehen. Wie die Lügenpresse jetzt ermittelt hat, sind die meisten davon Opfer ihrer Freunde, Ehemänner, anderer Frauen oder unbekannter Krimineller gewesen. Eine Frau war gar ein englischer Professor, der von Einbrechern zusammengeschlagen worden war.

Aber das mit der Presse kriegen wir auch noch hin. Die AfD in Hessen stellte süffisant auf facebook fest: "Bei uns bekannten Revolutionen wurden irgendwann die Funkhäuser sowie die Presseverlage gestürmt und die Mitarbeiter auf die Straße gezerrt. Darüber sollten die Medienvertreter hierzulande einmal nachdenken..." Kein Mob, keine Hetze, kein Pogrom. Mehr Sand!


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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