Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Es war einmal"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 24.08.2018 15:20 Uhr

Nr. 690

Nicht dass Sie denken, ich sei kein Freund von Märchen. Auch ich verbrachte große Teile meiner Kindheit mit Aschenputtel, dem Froschkönig oder Hänsel und Gretel. Bis zum heutigen Tage werden die grimmigen Geschichten dem Nachwuchs auf der Bettkante zu Gehör gebracht – und das ist ja auch gut so. Auch wenn gelegentlich hinterher das Licht im Kinderzimmer anbleiben muss, weil die Wölfe, Hexen und Teufel doch ein wenig zu gruselig waren. Früher oder später lernen die Kleinen, dass das, was geschieht zwischen "Es war einmal..." und "... wenn sie nicht gestorben sind", eben ein Märchen ist, eine erfundene Geschichte, nicht Realität.

Wenig später lernen wir dann auch, dass, wer Frösche küsst, eher den Tierschutzverein auf den Hals als einen Prinzen ins Bett bekommt, und Eltern, die ihre Kinder im Wald aussetzen, nicht mit Edelsteinen und Perlen, sondern mit Gefängnisstrafen bedacht werden. Und wer fremde schlafende Frauen küsst, findet sich bei #metoo wieder.

Solcherlei Erkenntnisprozesse klappen aber offenbar nicht immer. An das Märchen von der Rettung Griechenlands durch die Hilfsbereitschaft der anderen EU-Länder, allen voran Deutschland, glauben unsere Märchenonkel und -tanten anscheinend nach wie vor fest. Oder zumindest erwarten sie das von uns. Seit Montag nämlich ist Griechenland gerettet! Das letzte Hilfspaket ist ausgepackt und so leben sie nun glücklich und zufrieden bis... na ja.

Unser Bundesfinanzminister Olaf Schulz jubelt mit aller ihm zur Verfügung stehenden emotionalen Ausdruckskraft: "Der Abschluss des Griechenland-Programms ist ein Erfolg. Die düsteren Prophezeiungen der Untergangspropheten sind nicht eingetreten."

Bäumchen rüttel dich, Bäumchen schüttel dich, wirf Gold und Silber über die faulen Griechen! Und wie stehen sie nun da: Nach all dem Sparen, all den Reformen, all den Rentenkürzungen und Steuererhöhungen, dem Verscherbeln des Staatseigentums hat das gerettete Land ein Viertel seiner Wirtschaftsleistung und ein Drittel der Einkommen verloren und die Staatsschulden sind von 120 Prozent des BIP auf knapp 180 Prozent gestiegen. Immer mehr Griechen können sich den Gürtel nicht mehr leisten, den sie enger schnallen sollen.

"Das ist gut", sagt Onkel Olaf. Und: "Die Rettung Griechenlands ist auch ein Zeichen europäischer Solidarität!". Vorwärts, und nicht vergessen: Diese Solidarität galt erstmal und überwiegend unseren Banken! Dank dieser Solidarität hat Deutschland satte Gewinne eingefahren. Das ist doch die schönste Form der Solidarität, bei der man eben nicht nur gibt, sondern auch kriegt. Die gute Tochter bei Frau Holle hat ihrer häßlichen Schwester übrigens ja auch verraten, wie sie zu all ihrem Gold gekommen war – nur hat's die faule Brut halt nicht umgesetzt. Wer die Pita im Ofen verkohlen lässt, die Olivenbäume nicht ordentlich rüttelt und sein Staatsbett nicht aufschüttelt, dass die Federn stieben, der hat‘s nicht besser verdient. "Da kam die Faule heim, ganz mit Pech bedeckt, und das hat ihr Lebtag nicht wieder abgehen wollen." Genau.

Meine Nachbarin Barscheck gibt allerdings zu bedenken, dass Griechenland auf Platz eins der Liste von europäischen Ländern stand, was die Umsetzung von verlangten Reformen angeht. Hunderttausende von hungernden Kindern, Rentnern und Arbeitslosen in Griechenland können das bezeugen.

Aber Märchen müssen eben gut ausgehen. Weil wir sonst nicht gut einschlafen. Drum liebe Leute, gebt fein acht, der Olaf sagt euch: Gute Nacht!

 


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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