Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Zurück marschmarsch"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 10.08.2018 16:20 Uhr

Nr. 688

Nicht dass Sie denken, ich wüsste immer gleich, was mir fehlt, wenn mir was fehlt. Ich bin also durchaus dankbar, wenn mir da jemand auf die Sprünge hilft. Wie unsere Ex-Ministerpräsidentin Annegret, die ja nun, weit von der Heimat, im fernen Berlin gucken muss, wo sie bleibt. Also rein aufmerksamkeitsmäßig. Und also mit einem kühnen Sprung ins Sommerloch den Vorschlag in die hitzegdörrte Landschaft krähte, ob man nicht mal wieder die Wehrpflicht einführen sollte. Danke. Nun weiß ich wenigstens, was mir nicht fehlt. Hilft ja auch schon weiter.

Mir fehlen nicht die sturzbesoffenen, gröhlenden und seltsam kostümierten Horden von soeben aus dem Dienst entlassenen Jungmännern, die alljährlich die Nahverkehrszüge vollkübelten. Mir fehlt auch nicht, dass männliche Jugendliche sich zur "Musterung" geheißenen Materialschau einfinden und dort in entwürdigender Pose von Militärärzten ins dienstwichtige Loch gucken lassen müssen. Und auch die längst geschlossenen Kasernen, Übungsplätze und Kreiswehrersatzämter sind mir nicht unangenehm aufgefallen.

Gar nicht zu reden von Gewissensprüfungen à la "Was würden Sie tun, wenn Sie mit ihrer Freundin nachts im Wald unterwegs sind und plötzlich eine Horde bewaffneter Russen aus dem Busch springt? Und Sie haben zufällig eine Maschinenpistole bei sich?" Schon gut, ich weiß, ich tue AKK Unrecht. Sie will ja nur eine Debatte anschieben. Und auch nur, weil sie bei ihrer Zuhör-Tour durchs deutsche Land so oft auf das Thema angesprochen wurde. Und es könne ja auch um eine "Dienstpflicht" gehen, bei der Militär, THW, Feuerwehr oder Altersheim gleichberechtigt nebeneinander stünden. Ganz ohne ein zu prüfendes Gewissen. Für Frauen und Männer gleichermaßen.

Beifall kommt auf aus den unterschiedlichsten Richtungen. SZ-Chefredakteur Heribert Prantl schwärmt mit leuchtenden Augen in einer Videobotschaft vom gemeinschaftsfördernden Dienst und zitiert John F. Kennedy: "Frage nicht, was dein Land für dich tun kann – frage, was du für dein Land tun kannst." Vergisst aber vor lauter Begeisterung, dass bei einer allgemeinen Dienstpflicht niemand irgendwas fragen, sondern einfach antreten muss. Ex-General Ramms dagegen träumt schon von einer neuen Flut von Wehrdienstleistenden, die er gerne auch in Auslandseinsätze schicken würde.

Und last but not least klatscht Gesundheitsminister Jens Spahn in die Hände und verkündet, so ein Dienst bedeute "Haltung zu zeigen und Verantwortung für Deutschland zu übernehmen". Er will den Vorschlag so rasch wie möglich ins CDU-Programm schreiben lassen. Frage nicht, wie das Land die fehlenden Pflegekräfte auftreiben und bezahlen soll, frage, wie du deinem Land Scharen von dienstverpflichteten jungen Leuten besorgen kannst, die dann unausgebildet aber billig Dienst am Pflegebedürftigen schieben müssen.

Klar kostet auch eine solche Dienstpflicht einen Haufen Geld – aber eben nicht das des Gesundheitsministeriums. Und rechtlich gibt’s da auch noch einige kleinere Hürden zu nehmen. Grundgesetzänderung zum Beispiel – die dafür notwendige Mehrheit im Parlament ist allerdings in ebenso weiter Ferne wie ein Ende der klimawandelbedingten Extremwetterlagen. Nicht mal in der Union regt sich ernsthafter Dienstwille.

Die Haltung meiner Nachbarin Barscheck zu Annegrets Vorstoß jedenfalls ist klar. Ihr Vorschlag lautet, in Anlehnung an den Kabarettisten Wolfgang Neuß: "Könnte man nicht die Wehrpflicht einführen für Leute, die sie vorschlagen?" Und wegtreten!


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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