Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Viel zu heiß"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 27.07.2018 16:40 Uhr

Nr. 686

Nicht dass Sie denken, sie müssten sich Sorgen machen um meine geistige Gesundheit. Ich mach mir ja auch keine. Mir ist nur heiß. Das menschliche Denkorgan besteht nunmal überwiegend aus Eiweiß. Und Sie wissen ja, was Überhitzung mit Eiweißmolekülen so anstellen kann: Koagulation. Wir kennen das vom Frühstücksei. Klar, dass so eine im stabilsten Hoch seit Aufzeichnungsbeginn stellenweise schon wachsweich gegarte Hirnrinde nicht mehr ganz so flutschig funktioniert wie sonst.

Offenbar ist auch mein Sprachzentrum schon betroffen, sonst hätte es ja nicht ein Wort wie "flutschig" ausgegeben. Ist halt so. Schon das Wort "Koagulation" musste ich mühsam nachschlagen, nachdem ich schon dreimal "Koalition" geschrieben hatte. Hat zwar auch was mit eingeschränktem Denkvermögen zu tun, ist aber nicht direkt hitzebedingt. Warum erzähle ich das alles? Keine Ahnung, der Eisbeutel auf meinem Kopf ist schon wieder lauwarm.

Ebenso wie der Pfefferminztee, den mir meine Nachbarin Barscheck freundlicherweise hingestellt hat. Sie hat nämlich gelesen, dass diese handwarme Plörre besser gegen die Hitze hilft als jedes eisgekühlte Getränk. Versteh ich nicht, aber es ist einfach zu heiß, um mit Frau Barscheck zu diskutieren. Also runter mit dem Zeug.

Jetzt weiß ich auch wieder: Ich versteh momentan so einiges nicht mehr, wollte ich sagen. Wegen dem Eiweiß. Zum Beispiel diese ganze Aufregung um Herrn Özil. Um was geht’s da? Um das blöde Foto mit dem türkischen Diktator? War vielleicht ein ungeschickter Zeitpunkt, aber angesichts von Fußball-WMs in Russland oder in Katar und zahllosen Fotostrecken von Merkel, Maas und Steinmeier mit den unappetitlichsten Staatenlenkern des Globus – so what? Oder geht’s um Rassismus, weil der Özil zwar ein Gelsenkirchener Bub ist, aber halt doch irgendwie so was Türkisches hat? Und nie die Nationalhymne mitsingt. Sondern stattdessen, wie er dem STERN verraten hat, beim Klang des Deutschen-Liedes immer betet. Auf türkisch. Außerdem findet er es fies, dass ihn wegen des Fotos einige seiner Sponsoren verlassen haben.

Er hat halt zwei Herzen, sagt er. Ein deutsches und ein türkisches. Ist ja auch nicht einfach sowas. Aber diese ganze Aufregung! Und das bei dieser Hitze. Ich versteh's nicht. Aber ich hab da einen Geheimtipp: Franz-Josef Wagner. Schreibt in der BILD immer diese merkwürdigen Briefe  und kann alles in wenigen Zeilen erklären. Auch den Özil. Es war nämlich so: Auf einem "Affenkäfig" genannten Bolzplatz in Gelsenkirchen kickten einstmals die "Deutsch-Türken". Und dann: "Der kleine Mesut fiel Talentsuchern auf.... Ein Junge wurde entdeckt. Ein Junge, der einen linken Fuß hatte... Das war Mesut Özil. Er war kein Türke, er war kein Deutscher." Ein Holzklotz, wen so ein Schicksal nicht rührt.

Was war damals los in Gelsenkirchen? Warum hatten all die anderen Fußballkids nur rechte Füße? Wir wissen es nicht. Franz-Josef Wagner aber hat Recht, wenn er schreibt: "Ich finde es idiotisch, wenn jetzt eine Rassismus-Debatte entsteht." Zwei Herzen, einen linken Fuß und keine Heimat. Da gibt’s nichts zu debattieren, das ist einfach nur traurig. Schön deshalb, dass der BILD-Wagner seinen Brief schließt mit den Sätzen: "Ich mag Mesut Özil. Seine Geschichte ist eine Liebesgeschichte voller Tränen."

Verstehen Sie nicht? Müssen Sie auch nicht. Ist einfach nur schön. Außerdem ist es viel zu heiß. Versuchen Sie es mal mit Pfefferminztee. Lauwarm.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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