Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Anstand wahren"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 20.07.2018 16:20 Uhr

Nr. 685

Nicht dass Sie denken, ich müsste mal wieder frühkindliche Traumata aufarbeiten. Aber wenn nun allenthalben angesichts und angeohrs der Seehofers, Gaulands, Trumps und Erdogans nach der Rückkehr zum Anstand im politischen Gewerbe gerufen wird, klingeln mir als erstes die elterlichen Ermahnungen im Ohr: "Sitz anständig", "Zieh dich anständig an", "Benimm dich anständig". Sowas prägt, zumal es bei Nichtbefolgung schon mal anständig was hinter die Ohren gab.

Der Anstand, den man uns Kindern aus der Zeit des nassgezogenen Scheitels und der sauberen Fingernägel solchermaßen einbleute, bezog sich fast durchwegs auf Äußerlichkeiten: Korrekte Diener beziehungsweise Knickse, gerade Rücken am Esstisch, der geziemende Einsatz von Messer und Gabel und der pflegliche Umgang mit der Sonntagshose. Und natürlich redete man anständig. Das hieß: nicht genuschelt, nicht mit vollem Mund und keine Kraftausdrücke. Und selbstverständlich kein Wort über Körperteile oder Verrichtungen mit denselben, die als – eben - unanständig galten.

Und so sollte vor allem und gerade in der Hohen Politik verfahren werden, das diplomatische Parkett besonders gilt als der blankgebohnerte Bodenbelag, auf dem herumzutrampeln oder gar auszurutschen die gesellschaftliche Todesstrafe nach sich zieht. Also warnt der Bundespräsident vor der zunehmenden "Verrohung der Sprache" in Politik und Gesellschaft. Herr Juncker ermahnt den österreichischen Jungspund Kurz, nicht so großspurig aufzutreten. Die halbe Welt mokiert sich über die Rüpeleien des amerikanischen Präsidenten.

Ja, sicher. Aber die andere Hälfte hat solche Typen gewählt und zwar nicht zuletzt wegen ihrer Rüpeleien. Und noch mehr empfinden gelegentlich doch eine klammheimliche Bewunderung für die Rabauken, die sich da einfach über die Regeln hinwegsetzen. Die trauen sich wenigstens was. Die reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Die sind "ehrlich". Ach was, sind sie natürlich nicht. Genausowenig wie die, die gelernt haben, dass an die leckeren Geißlein viel leichter heranzukommen ist, wenn man vorher genug Kreide gefressen hat. Wer sich stets indifferent genug äußert, muss sich später nicht zum Affen machen, indem er behauptet, sich nur versprochen zu haben. Man kann viel unbemerkter seine Meinung wechseln, wenn man die vorige schon bis zur Unauffindbarkeit unter wohlgesetzten Worthülsen begraben hat.

Sowas produziert im übrigen die Bewunderung für Rabauken. Und die sind dann auch noch praktisch: Lassen sie doch die wohlanständigen Damen und Herren erst so richtig staatsmännisch oder -fraulich, gediegen, erfahren und kompetent erscheinen. Wo sich ein Seehofer ins Umfragentief bollert mit all seiner Abschiebungsrhetorik, Kanzlerinnenschelte und Selbstbeweihräucherung, da räumt Mutti umso mehr ab. Auch wenn sie genauso fleißig an der Festung Europa und der grenzfernen Lagerung der Geflüchteten schafft. Aber eben mit Contenance. Und Anstand.

Den meine Nachbarin Barscheck übrigens durchaus zu schätzen weiß: Sie lässt sich gerne in den Mantel helfen und die Tür aufhalten. Und zitiert Kant: "Die Natur hat den Hang, sich gerne täuschen zu lassen, dem Menschen weislich eingepflanzt... Überhaupt ist Alles, was man Wohlanständigkeit nennt... nichts als schöner Schein." Und den lassen wir gelten – anstandslos.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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