Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Auf- und Abreger"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 13.07.2018 16:40 Uhr

Nr. 684

Nicht dass Sie denken, mein Aufregungspotential sei unerschöpflich. Glücklicherweise unterliege auch ich den üblichen Abstumpfungsmechanismen. Donald Trump beispielsweise vermag meinen Blutdruck kaum noch messbar zu erhöhen. Der oberste Wutbürger der westlichen Hemisphäre hat also wieder mal beim NATO-Gipfel gerast, gerumpelt und gerüpelt? Ja klar. Schon beim Frühstück geiferte er die ersten Tiraden über die gedeckte Tafel? Deutschland sei ein Gefangener Russlands, komplett unter russischer Kontrolle? Ist mir zu blöd, um mich drüber aufzuregen. Dann wieder der Sermon über die mickrigen Verteidigungsausgaben der Europäer, kannte ich auch schon. Dass er dabei mit falschen Zahlen aufwartete – hallo? Und das übliche Hin- und Her, erst Toben, dann nettes Gespräch mit der Kanzlerin, gemeinsame Schlusserklärung und anschließend wieder ein paar Twitter-Tweets mit Andeutungen von möglichen Um-, Ab- oder Ausstiegen aus irgendwelchen Verträgen – laaangweilig!

Selbst die knackigste Provokation verbraucht sich. Man regt sich vielleicht noch über das erste Piercing des pubertierenden Sprößlings auf, spätestens für den dritten Metall-Knubbel, -Ring oder -Haken in den Körperteilen des Nachwuchses gibt’s bestenfalls noch ein Achselzucken.

Anders allerdings bei der Reaktion der europäischen NATO-Partner. Mit welcher Einigkeit da auf einmal das 2 %-Ziel aufgenommen und vereinbart wird! Wenn Deutschland tatsächlich 2 % seines Bruttoinlandsproduktes für das Militär aufwenden würde, dann wäre das schon mehr als der gesamte russische Verteidigungshaushalt! Müssen wir wirklich ganz allein die russischen Horden aufhalten? Zumal mir eine putinsche Invasion nicht unmittelbar bevorzustehen scheint. Wenns nach Mr. Trump geht, sollten es ja gerne auch 4% werden.

Die Gaslieferungen aus dem russischen Reich des Bösen sollen wir auch dringend kündigen. Und stattdessen das amerikanische Fracking-Gas kaufen und endlich nicht mehr in der russischen Energie-Sklaverei leben müssen. Sondern in der amerikanischen, wie sichs gehört.

Und in der Presse, von FAZ bis Süddeutsche, wird leitartikelt, dass die Panzerrohre eregieren: Dass ja doch was dran sei, an Trumps Unmut, und 2 % jetzt schon kommen müssten, dass Europa nun auch militärisch eine eigene Rolle spielen und Schluss sein müsste mit der Friedensduselei der vergangenen Jahrzehnte. Als hätten es die PR-Abteilungen von Heckler & Koch, Kraus-Maffey und Konsorten direkt in die Spalten der Zeitungen gehämmert.

Man hätte sich ja auch mal angucken können, wie und warum sich die europäischen NATO-Beiträge so entwickelt haben. Bis zur Ausrufung des "Krieges gegen den Terror" nach den 9/11-Anschlägen nämlich lag der europäische NATO-Beitrag bei 76 % des amerikanischen. Erst mit der Aufstockung des U.S.-Militärhaushaltes zur Finanzierung der Irak- und Afghanistan-Kriege entstand das jetzt beklagte "Ungleichgewicht". Und was ist mit den durchaus friedenssichernden Ausgaben für Entwicklungshilfe oder die Blauhelm-Missionen, bei denen Europa weit vor den USA liegt? Macht nicht "bumm", zählt also nicht? Aber ich wollte mich ja nicht aufregen.

Apropos: Meine Nachbarin Barscheck hat eine völlig neue Trump-Theorie, seit sie die Fotos von seinem Frühstücksausbruch in Brüssel gesehen hat. Die Teller und Tassen waren nämlich blitzeblank leer. Vielleicht war der präsidiale Poltergeist einfach unterzuckert! Also, Frau Merkel, demnächst vor den Verhandlungen den Mann einfach füttern. Grießbrei mit Zimtzucker oder so. Ein Löffelchen für Mutti... Das beruhigt.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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