Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

Vorzeitiger Abgang

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 29.06.2018 16:40 Uhr

Nr. 682

Nicht dass Sie denken, ich trauerte sehr wegen des frühen WM-Endes für die deutsche Elf. War ja nicht unverdient. Schade für die Fans, die sich, ihre Autos und ihre Balkone oder Fenster hoffnungsfroh schwarz-rot-golden dekoriert und noch schnell auf Raten einen größeren Bildschirm ins Wohnzimmer gestellt haben. Aber darauf kann man ja auch sehr schön die arte-Doku über Delfinbabies in der Shark Bay gucken. Also alles nicht so schlimm – und wir haben das dann schon mal aus dem Kopf.

Gibt ja durchaus Wichtigeres. Just zu Beginn des letzten Auftritts von Jogis Jungs in Kasan wurde Horst Seehofer mit Blaulicht in den Bundestag gekarrt, weil er sich dort auf Antrag der Grünen in der Debatte über die Flüchtlingspolitik äußern sollte. Freiwillig wäre er wohl nicht erschienen. Verständlich, da war ja die dumme Sache mit den 230 Geflüchteten auf dem Rettungsschiff der "Mission Lifeline", die tagelang auf dem Mittelmeer herumirren mussten, weil kein Land sie in den Hafen ließ. Wozu dem Horst nur eingefallen war, dass erstmal das Schiff beschlagnahmt und die Besatzung strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden müsste, bevor man sich darüber Gedanken machen könnte, ob Deutschland zumindest einen Teil der geretteten Menschen aufnehmen würde.

Aber da hat unser bayerischer Polterknecht noch mal Glück gehabt: Grade bevor er endgültig als herzloser Hardliner dagestanden hätte, haben sich acht EU-Länder zur Aufnahme bereit erklärt. So dass, wie unser oberster Grenzschützer erklärte, für Deutschland kein Handlungsbedarf mehr bestehe. Hauptsache, aus der Angelegenheit werde kein "Präzedenzfall". Weil: Für Herrn Seehofer sind diese Rettungsschiffe der NGOs nichts anderes als ein "Shuttle" zwischen Libyen und Europa. Ein Service-Angebot quasi, im von Markus Söder so genannten "Asyltourismus".

Schuld an der Situation auf dem Mittelmeer sind, das ist klar, die NGOs. Denn, sagt der Seehofer, "ohne die Nichtregierungsorganisationen gäbe es das ja nicht". Stimmt – ohne die müsste man sich nicht damit herumschlagen, ob und wer die Geretteten aufnehmen muss. Denn dann würden sie von der libyschen Küstenwache einfach wieder zurückgeschafft. Günstigenfalls. Im ungünstigeren Fall würden sie halt ersaufen. Das heißt bei Seehofer dann "Humanität und Ordnung".

Sein Konzept lautet: "Robuste Schutzzonen" in Afrika. Also Lager. Robust heißt, laut Duden, "stämmig, vierschrötig, unempfindlich, derb". Halt so, wie der Horst selbst. Aus hartem Holz gemacht, was das Wort "robust" nämlich eigentlich vom Wort her bedeutet. Oder "eichen". Meine Nachbarin Barscheck stellt sich genau so ein Lager vor, mit Schutzzaun aus deutscher Eiche nämlich. 

"Mission Lifeline" hat jetzt in einem offenen Brief Horst Seehofer zum Realitätscheck eingeladen: Er sei an Bord willkommen und solle doch einmal bei einem Rettungseinsatz mitfahren. Gute Idee. Aber erstens ist es schwer vorstellbar, dass der Minister diese Einladung annimmt. Er hat schließlich genug damit zu tun, seinen Machtkampf mit Mutti Merkel auszufechten. Das Ultimatum läuft ja nur noch ein paar Tage.

Und zweitens, meint Barscheck, könnte es ja durchaus sein, dass er ab nächster Woche gar nicht mehr zuständig ist. Weil er gar nicht mehr Innenminister ist. Oder wir gar keine Regierung mehr haben. Aber ehrlich: Auch über dieses vorzeitige Ausscheiden hielte sich meine Trauer in Grenzen. Wäre ja auch nicht unverdient.


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Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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