Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Schwappende Krokodile"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 09.03.2018 16:40 Uhr

... und am Samstag, 10. März 2018, in "Der Morgen".


Nr. 666

Nicht dass Sie denken, ich hielte nichts von wissenschaftlichen Erkenntnissen. Was wüssten wir alles nicht ohne die mit großem personellen und finanziellen Aufwand weltweit durchgeführten Studien! Beispielsweise, dass der Kontakt zu lebenden Krokodilen die Bereitschaft zum Glücksspiel senkt. Vermutlich, weil man das nächste Spielcasino dann nicht mehr erreicht. Auch die Tatsache, dass man einen Becher Kaffee am besten schwappfrei transportiert, indem man geradeaus schaut und dabei rückwärts läuft. Es sei denn natürlich, man stößt dabei mit einem anderen Kaffeeträger zusammen, weil – auch das zweifelsfrei wissenschaftlich erwiesen – der Mensch hinten keine Augen hat. Das nur zwei Beispiele aus dem vergangenen Jahr.

Ganz aktuell überrascht uns diese Woche das Kieler Institut für Weltwirtschaft mit der Erkenntnis, dass in Deutschland sozialer Aufstieg immer noch hauptsächlich von der Herkunft abhängt. Genauer gesagt: Zu etwa 60 Prozent. Nun ist das natürlich ein Thema, das uns wesentlich näher ist als der Zusammenhang zwischen Krokodil und Roulettetisch. Aber doch deutlich weniger überraschend. Zumindest für jeden, der nicht diskret den Blick abwendet, wenn neben ihm mal wieder einer „aus gutem Hause“ sich im seit Generationen aus Geld, Beziehungen und Tradition geknüpften Netzwerk munter nach oben hangelt. Oder der selbst gerade beim Hangeln ist.

Aus früheren Studien wissen wir ja auch längst, dass schon in der Schule die Arbeiten von Akademikersprößlingen deutlich besser beurteilt werden als die von Arbeiterkindern. Ebenso wie unser ganzes Schulsystem auf frühzeitige Selektion ausgerichtet ist. Neu an der IWF-Studie ist nur die Zahl 60 Prozent. Bislang ging man von etwa 40 Prozent Einfluss der Herkunft aus. Die Forscher belegen, dass noch ein Zusammenhang mit dem sozialen Status der Ur-Großeltern nachweisbar ist. Das vielbeschworene Schmieden des eigenen Glücks ist also wesentlich schwieriger als bisher angenommen. Weil halt der eine schon mit dem Hammer in der Hand geboren wird, während der andere sich so ein Teil erst mal erarbeiten muss – oder sein Schicksal als Amboss eben geduldig ertragen.

Verblüffender als die Studie selbst sind die in den Kommentarspalten zu dieser Nachricht niedergelegten Kommentare der Leser und Leserinnen. Da wimmelt's nur so von stolzgeschwellten Berichten über den eigenen Aufstieg aus ärmlichen Verhältnissen oder gar die Hinweise auf die naturgegebene Vererbung von Intelligenz, Fleiß und Arbeitswilligkeit. Sarrazin läßt grüßen. Vielleicht schreiben in solchen Kommentaren eben auch überwiegend die mit höherem Sozial- und Bildungsstatus? Weil sie über bessere Ausdrucksmöglichkeiten und - mehr Zeit dafür verfügen?

Jedenfalls steht zu vermuten, dass die neue IWF-Studie in etwa so viel politische Konsequenzen nach sich ziehen wird wie die über den Reptilienkontakt oder das Kaffeeschwappen. Weil ja auch die Zusammensetzung beispielsweise des Bundestags den gleichen Herkunftseinflüssen unterliegt. Und deswegen sitzen dort halt in der Mehrheit Juristen, Beamte, Lehrer und Berufspolitiker. Schon macht sich sogar die Bundeszentrale für politische Bildung Gedanken darüber, ob man nicht zumindest einen Teil der Abgeordneten besser per Losentscheid entsenden sollte. Aber darüber müssten ja dann wieder die jetzigen Abgeordneten entscheiden.

Meine Nachbarin Barscheck weist übrigens darauf hin, dass ich den Kaffee auch verschütte, wenn ich ihn nicht einmal trage. Nicht meine Schuld. Wahrscheinlich neigte schon mein Urgroßvater zum Plempern und Schwappen.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

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