Brunners Welt: Der Brunner (Foto: SR)

"Russische Eier"

Brunners Welt - die politische Glosse der Woche zum Nachlesen und Nachhören

Von Peter Tiefenbrunner  

Sendung: Freitag 02.03.2018 16:40 Uhr

... und am Samstag, 3. März 2018, in "Der Morgen".


Nr. 665

Nicht dass Sie denken, ich sei kulinarisch total retro drauf. Aber gelegentlich befällt mich eine unerklärliche Lust auf längst aus der Mode gekommene Speisen. Beispielsweise auf das für die Sechziger Jahre unverzichtbare Party-Buffet-Trio: Mettigel, Schinkenröllchen, Russische Eier.

Für Hörerinnen und Hörer, die dank der Gnade der späten Geburt diese Köstlichkeiten nicht kennen sollten: Mettigel bestehen aus einem Klumpen Schweinemett, händisch in eine igelähnliche Form gematscht und mit Salzstangen oder Zwiebelstückchen bestachelt. Das Schinkenröllchen enthält wahlweise eine Stange Spargel aus der Dose oder lecker Fleischsalat aus dem Plastiknapf, während das Russische Ei hartgekochte Eierhälften meint, denen durch einen satten Klacks Mayo oder Remoulade ein zusätzlicher Cholesterin-Turbo verpasst wurde.

Wie gesagt, ein wenig aus dem Focus der zeitgenössischen Ernährung gerutscht. Vielleicht auch, weil sich nur schwer oder gar nicht vegane Varianten anbieten. Nur in puncto Mettigel ist mir so etwas bekannt – das arme Tier besteht dann aus aufgeweichten und mit Tomatenmark vermengten Reiswaffeln. Hört ihr die Igel weinen?

Das Russische Ei hingegen bleibt widersetzlich und untergräbt zuverlässig die Volksgesundheit per Blutfett-Attacke. Der Name stammt wohl daher, dass der Eierhälfte ursprünglich ein Klecks Kaviar aufgesetzt wurde. Das Mayo-Ei ist also eigentlich eine Fake-Version. Vielleicht aber auch ein früher Versuch des russischen Geheimdienstes, die Kampfkraft des Feindes zu unterminieren. Ist natürlich nicht beweisbar, aber das war die Zuordnung des jüngsten Cyberangriffs auf unsere Regierungsrechner zur russischen Hackertruppe APT28 auch nicht.

Was unser Info-Flaggschiff Tagesschau nicht davon abhielt, die Meldung mit dem Satz aufzumachen: "Russische Hacker haben offenbar erfolgreich Datennetze der Bundesregierung angegriffen". Im weiteren Verlauf erfuhr der alarmierte Zuschauer dann, dass man eigentlich nicht mehr wisse, als dass ein Angriff stattgefunden habe. Durch wen, wie lange, was dabei ausgespäht worden sei – keine Angaben. All das werde noch untersucht. Zwei Stunden später hat den Nachrichtenredakteuren dann offenbar doch das öffentlich-rechtliche Gewissen geschlagen. In den Tagesthemen keine Rede mehr von den russischen Cyber-Kämpfern.

Dafür begann der Beitrag über den Hacker-Angriff  mit Bildern von Putin, zu Besuch bei der Kanzlerin, unterlegt mit der sorgenvollen Frage: "Was ist Deutschlands Strategie im Umgang mit schwierigen Partnern?" Eine Frage, die man natürlich ebenso gut mit Aufnahmen von Erdogan, Trump, Orban oder dem polnischen Präsidenten hätte bebildern können. Um nur einige "schwierige Partner" zu nennen. Aber das hätte natürlich nicht so gekonnt subliminal die Schuldvermutung weiter transportiert. Ein Mettigel für den, der Böses dabei denkt.

Kann ja sein, dass es wirklich die Russen waren, die das Cyberei in unser hochsicheres Regierungsnetzwerk gelegt haben. Was uns immerhin die brandneue Erkenntnis vermittelt: Auch russische Geheimdienste spionieren! Wer hätte das gedacht? Meine Nachbarin Barscheck hofft jetzt darauf, vielleicht demnächst auf RT Deutsch schon mal die komplette Ministerriege unserer künftigen Regierung geliefert zu bekommen.

Ich hingegen trauere den guten alten Zeiten nach, als noch gänzlich analoge Agentinnen bei Schinkenröllchen, Wodka und Russischen Eiern den deutschen Geheimnisträgern ihre Informationen im Nahkampf abgeluchst haben. Aber das ist dann doch vielleicht ein bisschen sehr retro.


Brunners Welt

Jeden Freitagnachmittag in "SR 2 - Der Nachmittag" und als Wiederholung jeden Samstagmorgen gegen 8.40 Uhr in "SR 2 - Der Morgen"!

Brunner hält für SR 2 die Augen offen. Und wenn er was nicht mitkriegen sollte, dann wird ihn Frau Barscheck, seine Nachbarin, schon mit der Nase drauf stoßen. Dann kann er sich nämlich seine Gedanken darüber machen, was wichtig ist und wo die Trends der Zeit zu spüren sind.

Artikel mit anderen teilen