Propagandaschlacht um Mariupol (Foto: YURI KADOBNOV)

Propagandaschlacht um Mariupol

Doku über eine Stadt im Krieg

Von Christine Hamel  

Sendung: Samstag 06.08.2022 9.05 bis 10.00 Uhr

Der Name Mariupol steht wie kaum ein anderer für den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und die Zerstörung der Städte. Präsident Wolodymyr Selenski erklärte Mariupol zur „Heldenstadt“.

Die Hafenstadt am Asowschen Meer wurde seit dem 24. Februar ununterbrochen bombardiert und beschossen. Die Angriffe auf die Entbindungsklinik und auf das Dramatheater, in dem Hunderte von Zivilisten Zuflucht gesucht hatten, werden als Kriegsverbrechen eingestuft. Seit dem 20. Mai ist die Stadt vollständig unter russischer Kontrolle.

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Ein anderer Kampf um Mariupol tobt aber weiter: der Propagandakrieg. Die russische Seite holt Kriegs-Influencer in die Stadt, die in die Kameras des russischen Staatsfernsehens hinein beteuern, dass die Kriegsruinen allein das Werk der Ukrainer seien. Der Propagandafilm „Mariupol – ich lebe“ vom 27. April zeigt russische Soldaten als selbstlose Retter. Sie versorgen die Überlebenden mit Brot, Butter und Medikamenten und finden in den Kellern der Stadt junge Mütter und Neugeborene. Dass die Mütter wegen des Angriffs auf die Entbindungsklinik in die Keller geflüchtet sind, kommt in dem Film nicht vor.

Nach Beginn des Krieges in der Ostukraine 2014 sollte Mariupol eine ukrainische Vorzeigestadt im Osten werden, weil Donezk und Luhansk an russlandtreue Separatisten gefallen waren. Die Stadt konnte damals von dem berüchtigten Bataillon Asow von den Separatisten zurückerobert werden, was den Kämpfern in der Ukraine viel Anerkennung einbrachte. Sie formierten sich zu einem Regiment, das der ukrainischen Nationalgarde unterstellt ist und die Welt konnte zwei Monate lang live verfolgen, wie sich die Kämpfer im Asow-Stahlwerk gegen die russische Übermacht behaupteten.

Als sich das Bataillon 2014 gründete, waren bekennende Faschisten unter ihnen. Bei Asow kämpfen immer noch verschiedene ultranationalistische Kräfte – entsprechend euphorisch der Triumph der Kreml-Propaganda, dass sie in russischer Kriegsgefangenschaft sind. Das Leid der Kriegsopfer aus Mariupol geht unterdessen weiter.


Der Autor

Christine Hamel hat als Reporterin bereits aus der Sowjetunion berichtet und kennt Russland und die Ukraine von unzähligen Recherchereisen. Mehrfach war sie Stipendiatin der Robert-Bosch-Stiftung. Sie hat in St. Petersburg gelebt und verschiedene Bücher über Russland und die russische Kultur geschrieben. In den letzten zehn Jahren sind von ihr unter anderem Feature zu Putin, zur russisch-chinesischen Grenze, zum Krieg in der Ostukraine, zur Vergiftung von Nawalny und zur Annexion der Krim erschienen.


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